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BeitragVerfasst: Di 26. Apr 2011, 21:39 
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Abschnitt III. DER MINERALISCHE ZERFALL UND SEINE UMBAUER

Tafel 2 Silikatsand aus 5000 m Höhe, Himalaya.

Besiedlung von sehr armem Silikatsand durch Lithobionten

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groß 2048×1496

Aus ca. 5000 m Höhe des Himalaya stammte die Probe dieses Silikatsandes, der mir zur bodenbiologischen Untersuchung gebracht wurde.

Dazu Foto aus einem tibetanischen Gebirgstal das die Schuttströme der Himalaya-Erosion zeigt.

Bild

Naturhumus ist unzweifelhaft das Produkt von einer ganzen Reihe sehr alter biologischer und biochemischer Prozesse. Sie müssen so früh eingesetzt haben, dass sie sich zyklisch verknüpfen konnten und zu einem Kreislauf wurden, der eine ununterbrochene Regeneration des Bodens in sich schliesst. Man weiss heute viel besser über die chemische Seite Bescheid. Aber auch da gibt es noch Lücken und Brücken, die man nicht schlagen konnte.

Dieses Buch berücksichtigt die Bodenchemie nur insoweit, als sie gewisse biologische Vorgänge entscheidend beeinflusst. Denn es gibt gerade über die organische Chemie eine Reihe sehr guter Lehrbücher, die das Stoffliche erklären, soweit man eben stoffliche Abwandlungen aus sich selber erklären kann.

Einiges wissen wir aber leider auch heute noch nicht genau. Z.B., warum die flüchtigen Säuren, die bei der Stickstoff- sowohl wie bei der Kohlenstoffzersetzung im Boden entstehen, nur höchst unregelmässig auftreten. Wenn man in vielen Laboratoriumsversuchen beobachtet hat, wie sich der Abbau von Pflanzenresten vollzieht, so darf man vielleicht nicht alles, aber doch einiges davon auch auf das Freiland übertragen. Zuerst werden da wie dort diejenigen Gewebe in Angriff genommen, die viele wasserlösliche Stoffe enthalten. In diese Arbeit teilen sich Bakterien verschiedenster Art, dazu Actinomycesformen und von den Schimmelpilzen besonders Mucor mucedo und seine Verwandten. Die Zelllulosen fallen den Massen zelluloseverzehrender Baktieren und den Ascomyzethen zu, und erst ganz zuletzt machen sich Hutpilze / Basidiomyzethen / an die resistenten Lignine. Die Prozesse verlaufen teils anaerob, teils aerob. Dasselbe gilt für die Eiweisszersetzung, an der sich Ammoniakbildner und -aufschliesser, Stickstoffbinder und -befreier, Nitrit- und Nitratab- und Aufbauer beteiligen. Bei solchen Vorgängen werden Schwefelwasserstoff, Kohlensäure, Methan, Kohlendioxyd frei, aber auch alle möglichen Säuren, die kurzfristig auftauchen und wieder verschwinden.

Zahl und Zusammensetzung solcher oft gemeinsam arbeitender „teams“ wechselt ständig. Bei Böden, die von mehrerlei Erosionsmaterial im Lauf von Erdepochen überschüttet wurden und die dann womöglich durch tektonische Erdbewegungen vielfältig „verworfen“ sind, kann mitunter von 100 zu 1000 cm der Organismenbestand wechseln. Nimmt man dazu noch die Spuren alter menschlicher Besiedelungen, so wird auch dieser Faktor seinerseits wieder die edaphischen Biozönosen verändern. Wir haben in den mittelfränkischen Wäldern zuweilen Mauerreste und zerschlagene Ziegel von Dörfern gefunden, die im Dreissigjährigen Krieg völlig zerstört und niemals wieder aufgebaut wurden. Sie lagen weit von jeder Strasse im Dunkel von Fichten und Laubbäumen und wild aufgewachsenem Unterholz. Aber seit mehr als 300 Jahren hatte der Boden die Reste ausgestorbener Menschenleben bewahrt. Noch immer wucherten meterhoch die Brennnesseln um geschwärzte Findlingssteine. Untersuchte man den Boden darunter, so fand man die charakteristischen Biozönosen übermässigen Eiweissabbaus, Bacterium coli, Coryne- und Mycobakterien, Harnstoffzersetzter wie die Sarcina urae. Dazu dicke Gewirre des Schimmelpilzes Aspergillus niger, dessen auffällig tiefschwarze Sporen von dem Kupfergehalt längst vergangener kupferner Töpfe und Krüge herrühren mochten.

Das alles hatte sich im Schutz der dichtverflochtenen Brennesselwurzeln erhalten. Und die Brennnesseln selber, die niemals in Wäldern wachsen, nützten als echte Ruderalpflanzen und unzertrennliche Bewohner menschlicher Abfälle noch immer die Hinterlassenschaft von Familien und Haustieren aus, die seit dem Überfall durch plündernde Schweden längst in die Erde ihres Dorfes eingegangen waren.

Dieses Beispiel, das man ohne weiteres an Hand alter Karten historisch nachkontrollieren kann, mag hier anstelle von vielen anderen stehen, an denen die Gegenwart unwissend vorübergeht. Denn abgesehen von der Beharrlichkeit, mit der ununterbrochen jeder Zustand des Bodens vom Bodenleben verwertet wird, zeigt es, dass die organischen Kreisläufe doch letzten Endes niemals etwas Neues hinzufügen, ja, dass die Humusproduktion durch sie immer nur in denselben Grenzen verläuft. Anders gesagt: was einmal in die Bahn des Organischen einmündet, schafft kein Mehr an Humus, sondern ergibt ohne Zuwachs bestenfalls ein und dieselbe Menge. Ich meine damit, dass aus der Abfallverwertung zwar eine Regeneration des Bodens hervorgehen kann, dass aber das gewonnene Neuland der Menge nach um so viel weniger sein wird, als der Umsetzungsprozess Verluste an Wasser und flüchtigen Säuren, Gasen und Strukturauswechslungen mit sich bringt.

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Das erklärt ein für allemal, warum ein Boden verarmt, der mit Stall- oder Stadtmist allein gedüngt wird. Warum Düngung überhaupt etwas Ungenügendes ist, weil eben immer nur dieselben plasmatischen Kombinationen auseinandergelegt und wieder neu zusammengesetzt werden, wobei der Prozess stets einen Teil Materie kostet.

Es kann also das jeweilige Humuskapital nicht nur auf dem organischen Wege auf uns gekommen sein. Es kann sich nicht einmal nur auf diesem einzigen Wege gebildet haben.

Wie und woraus entstand also der Humusschatz unserer Erde?

Da man sich nur wenig mit dieser Frage beschäftigt hat, wissen wir keine endgültige Antwort.
Die gibt es jedoch in der Natur.
Dort lautet sie: Der unfruchtbare Teil der Erdoberfläche ersetzt ständig in einem allen anderen Kreisläufen übergeordneten umfassenden Kreislauf die durch das Leben verursachten Verluste der fruchtbaren Erde.

Und der Humus entstand überhaupt nur dadurch, dass der Stein sich in Boden umwandelte.

Wodurch?
Durch chemische Veränderungen?
Gewiss auch durch chemische Veränderungen, die aber auf der Leistung von Organismen beruhten.
Damit erschliesst sich gewissermassen die andere Hälfte des Problemes der fruchtbaren Erde.
Denn hier erwächst uns, vom Menschen durch viele Jahrtausende ungeahnt und unbeachtet, jenes Mehr an Humus, das aus dem unerschöpflichen Reservat der Bodenmineralien hervorgeht.
Hier ordnen sich Gebirge, Küsten, Verlandung und Erosion nicht nur in die Erdgeschichte, sondern auch in die Geschichte des Lebens, der Pflanzen, der Tiere und des Menschen mit ein. Und das ist der grösste stoffliche Ausgleich, so gross, dass er in der entsprechenden Zeit alle Störungen auspendelt und in die Dauerform harmonischer Erhaltung zurücklenkt.

Die Humuswissenschaft muss also von jetzt ab nicht mehr zwischen „organisch“ und „anorganisch“ unterscheiden, so wie das eine fehlerhafte und naive Weltanschauung seit der Antike getan hat, sondern sie muss alle Stadien der Bodenbildung in den Kreislauf der Fruchtbarkeit mit einordnen, so wie die Natur ihn seit unvordenklichen Erdperioden eingeordnet hat. Wir müssen, um die Gestaltung des Lebens richtig zu verstehen, uns davon überzeugen, dass grosse Teile davon sich ausschliesslich auf die unsichtbaren Lebensketten beschränken, dass aber das Sichtbare und das Unsichtbare unzerreissbar fest zusammenhängt.

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Im Jahr 1914 erschien in der von R. H. Francé herausgegebenen Zeitschrift „Die Kleinwelt“ ein Aufsatz eines seiner Schüler, des nun lange verstorbenen Dr. Falger, in den ersten zwei Jahresnummern. Er behandelte die felsbewohnenden Organismen und bezog sich auf Studien der damals völlig unbekannten Organismen, die überall im Gebirge, sowohl auf dem Kalk der Alpen als auf dem Urgestein der Mittelgebirge zu finden sind. Angeregt worden war diese Arbeit durch vorausgegangene Studien von Francé in seinem „Biologischen Institut“. Er schrieb damals als wissenschaftlicher Bergsteiger sein mächtiges Werk „Die Alpen“ und wollte seine diesbezüglichen Beobachtungen einmal zu weiterem Gebrauch zusammengefasst wissen.

In diesem Aufsatz wurde dieser Oganismengruppe zum erstenmal auch ein Name gegeben. Francé nannte sie nach ihrer Umwelt „die auf dem Stein Lebenden“ - „Lithobionten“.

Um diese erste Zusammenstellung kümmerte sich kein Mensch.

Der erste Weltkrieg brach in den langjährigen Frieden ein. Die Welt veränderte sich politisch, wirtschaftlich, verkehrstechnisch und maschinell in einem rasanten Tempo. Von der Jahrhundertwende bis zum zweiten Weltkrieg ereigneten sich mehr Umwälzungen, als in so und so vielen Generationen vorher. Ein grösserer Weltblick rückte die Kontinente zusammen und bestimmte die Menschen, Erfahrungen von dem einen auf den anderen zu übertragen.

Wenn auch allmählich „Humus“ zu einem Begriff wurde, den man nicht mehr als altmodisch und abgetan verlachte, so beschäftigte man sich doch in keiner Weise mit den Lithobionten. Der Begriff „Erosion“ war kaum geboren, jener der eigentlichen Bedeutung der Erosion überhaupt nicht.

Was sind Lithobionten?

Da muss man zuerst die Verwitterung genauer betrachten.

Von je war man davon überzeugt, sie sei ein chemophysikalisches Produkt unter dem Einfluss der Atmosphärilien. Bei Gratwanderungen in den Kalkalpen konnte es geschehen, dass man, wenn man die Hand auf einen der kleinen Grattürme legte, in lauter lockeren Grus griff, der in sich zusammenstürzte und keinen Halt bot. Es war nicht gerade Sand, aber doch etwas Sandartiges, was da auseinanderfiel, aber jedenfalls hatte es aufgehört, ein Stück Stein, der Teil eines Felsens, zu sein.

Man erinnerte sich, gelernt zu haben, dass Kalk in jeder Form sich durch die Kohlensäure der Luft und des Regens zersetzt. Hier hatte man den Beweis dafür. Der Kalksand war nichts anderes, als auseinandergefallenes Kalkgestein, meist Kalkkarbonate, also Verbindungen zwischen Kalk und Kohlenstoff. Ein Teil davon verfestigte sich nicht sehr zuverlässig als die sog. „Konglomerate“ zusammen mit grösseren und kleineren Gesteinen, unter denen es auch mitunter Schiefer, Glimmer, von fern her angeschwemmte Andesite, Basalte und Granite gab, die alle vulkanisch entstehen, was die Kalke nie tun.

Wie aber ist das bei den Urgesteinen? Die rühren auch von sehr frühen Ausbrüchen einer längst nicht mehr vorhandenen Vulkantätigkeit her, sind viel älter als die Kalke, viel härter und bauen so grosse Gebirge wie den Himalaya auf. Die lösen sich nicht im kohlensäurehaltigen Wasser, denn sie sind Silikate. Das Silizium ist ein Erdbaustoff, der zumindest ein Fünftel bis ein Viertel der Erdrinde ausmacht. Es hat ungeheuer lange und zahlreiche Verbindungsketten mit den meisten anderen Mineralien, mit Salzen und Metallen. Nur in kochenden Geysiren löst es sich und wird dann kolloidal. Manchmal kristallisieren solche Kolloide dann wieder aus, aber oft verhärten sie nur. Gegen die meisten irdischen Feuer sind Silikate unangreifbar, und während Kalk spurlos verbrennt, bestehen die Reste von Silikatgesteinen aus lauter feinen, scharfkantigen Glassplittern von sehr grosser Härte. Man braucht sich nur daran zu erinnern, dass der Diamant eine Härte von 12 Grad besitzt, lauter Halbedelsteine nach Art des Carneol, Jaspis, Tumalins u.a. befinden, es durchschnittlich auf 7 Grad bringen.

In der Natur werden jedoch sowohl die Kalke wie die Silikate von den Lithobionten abgebaut.

Unterschiede bestehen nur in der Zeit.

Die lithobiontische Biozönose ist aber dieselbe. Und das Produkt in Form einer noch sehr mineralischen, aber verbesserungsfähigen Erde ist auch dasselbe. Das Wasser, die Luft, gewisse Gase bedingen nur den mechanischen Zerfall. Der Umbau ins Organische geht über das Mikroleben der Lithobionten.

Tafel 2 Aus ca. 5000 m Höhe des Himalaya stammte die Probe dieses Silikatsandes, der mir zur bodenbiologischen Untersuchung gebracht wurde.

Er lag auf nacktem Urgestein und war nicht bewachsen. Einen Großteil des Jahres deckten ihn Schnee und Eis. Er war gleichmäßig lichtgrau und glitzerte von vielen Glimmerplättchen. Für das unbewaffnete Auge war er durchaus lebensleer.

Dazu Foto aus einem tibetanischen Gebirgstal das die Schuttströme der Himalaya-Erosion zeigt.

Dieser Silikatsand, der vermutlich Graniten sehr feiner Struktur entstammte, stellte also die lokale Erosionsform der höchsten Gebirge der Erde dar. Das Klima war subarktisch, doch sind in solcher Höhe die ultravioletten Strahlen ganz anders wirksam als in der Tiefe. Sie "zerstrahlen" die Materie, leisten also der Erosion einen kräftigen Vorschub. Möglicherweise ist die Gleichmäßigkeit dieses Silikatsandes auf sie zurückzuführen.

Im Mikroskop zeigt sich eine Ebene aus glänzenden, völlig durchsichtigen, nadelspitzscharfen Glassplittern. Glassand, der viel zu sterilen Zuchten verwendet wird, ist, besonders wenn er einige Zeit liegt, weniger scharf und spitz. Die meisten Kristalle waren von Organismen niemals angegriffen worden. Man sah das an den makellos glatten Flächen. Eine gewisse Durchschnittsgröße überwog, die zwischen 15 und 55 mü schwankte. Viel größer waren ein länglicher Olivin- und ein massiver, silizierter Kalksplitter.

Nach Befeuchtung zeigte sich zunächst nur autochtone Mikroflora mit außerordentlich kleinen und sehr blassen einzelligen blassen Formen. Winzige Nester von fluoreszierenden Silikatbakterien hingen an irgendeiner Kante mit ihrem dünnen Kolloidmantel. Auf über hundert Splitter verteilten sich jedoch kaum 12 derartige Nester. Auf größeren Partikeln kleben beginnende Kolonien von Microcystis sp. und sehr zarten rötlichen Palmella miniata. Eine einzige winzige Navicula von höchstens 7 mü schwamm zwischen den Splittern umher. Ihre Chromatophoren waren so blaß, daß sie kaum einen dünnen Chlorophyllschimmer besaßen.

Das war der Anfang eines mikroskpischen Lebens, das offenbar aus Tibet sich in mein Laboratorium in Mexiko gefunden hatte.

So muß man sich demnach vorstellen, daß die Erosion einsetzt, nachdem sie geologisch und durch metereologische Einflüsse vorbereitet wird. Das gibt einen Einblick, wie die Umwandlung vom Mineral zur organischen Substanz ausschließlich mit zwergenhaften einzelligen Algen beginnt, deren Chlorophyllproduktion vermutlich kaum zur Assimilation ausreicht. Hier müßten genaue Untersuchungen einsetzen, die es aber leider heute noch nicht gibt, weil eben das ganze Problem der Erosionsumwandlung noch gar nicht zur Diskussion steht.

Einzig durch Feuchthaltung und das gleichmäßig warme Klima vermehrten sich binnen 4 Wochen die ersten Lithobionten und neue Arten fanden sich dazu. Vor allem konnte festgestellt werden, daß der übliche Prozeß der Aufrauhung der glatten Oberflächen sichtbar wurde. Es entstanden die zuerst flachen, dann beinahe napfförmigen Eintiefungen, in denen sich einzelnen Algen ansiedelten. Häufig wurde die Eintiefung mit hyalinem Kolloid aufgefüllt, was das Herauschgeschwemmtwerden verhinderte. Sehr deutlich nahm das Grün der Algen zu. Sie wurden nicht größer, aber immer kräftiger türkisgrün, so daß sie endlich die normale Färbung von einzelligen Blaualgen erhielten.

Vorläufig bestand die Biozönose nur aus diesen sehr einfachen Blaualgen, die man wohl noch zu den Homogonales rechnen muß, noch immer sehr kleinen, kugel- und porzellanweißen, überaus zarten Actinomyceshyphen, wahrscheinlich eine Nocardia, die überhaupt sich häufig bei Lithobionten einfindet. Ob das alles aus der Luft erschien, ob es mit dem Brunnenwasser kam, das ein wenig schwefelhaltig und sehr arm an Mikroben war (ich kannte die dort wohnhaften Spezies, die aber andere waren), weiß ich nicht. Wir wissen ja überhaupt nicht allzu viel davon, in welchem Verhältnis das Edaphon, von dem sich durchschnittlich zumeist ein Drittel in der Luft und im Staub enzystiert aufhält, Leben aussät. Sicher ist nur, daß eben eine solche Aussäung stattfindet, denn fast alle Lithobionten sind Ubiquisten, die man nicht nur in den verschiedensten Kontinenten , sondern auch in den verschiedenen Landschaften entdecken kann. Dieselbe mineralaufschließende Biozönose kann man im Dünnsand und auf steilen Felsflanken feststellen. Alle scheinen gegen Höhendifferenzenn ganz unempfindlich zu sein. Sie sind ausnahmslos salzhold, auch ca. 30% der mit ihnen vergesellschafteten Bakterien sind es. Viele Blaualgen verarbeiten Schwefelwassertstoff, der bei der Verwitterung frei wird. Kalium ist sehr gefragt durch Felsbewohner und scheint die Ursache zu sein, weshalb man fast immer den Schimmelpilz Aspergillus Niger schon unter den ersten Mineralbewohnern findet. Das wichtige Magnesium wird durch Lithobionten aus Olivinen und anderen Silikatgesteinen freigemacht. Molybdän, ohne das später das stikstoffsammelnde Azotobacter chroococcum nicht leben kann, wird ebenfalls aus Gesteinen herausgeholt. An alledem sind die lithobiontischen Bakterien beteiligt, zu denen unterschiedliche Granulobacter-Arten, Salpeterbakterien, von den Buttersäurebakterien das Chlostridium Pasteurianum gerechnet werden, Azotobakter sp. stellt sich früher oder später ein.

Das wäre so eine kleine Auswahl von unverbundenen Beobachtungen über Lithobionten.

Man muß sich darüber klar sein, daß daraus noch lange kein geschlossenes Bild einer Formation entsteht, die sie augenscheinlich sind. Doch kann man schon aus diesem wenigen schließen, daß sie weit in die älteste Frühzeit der Erde hineinreichen.

Es ist wahrscheinlich, daß sie bereits in den allerersten warmen Flachmeeren lebten, denn das Bakteriochlorin, ein grüner Farbstoff, den eine Reihe von Schwefelalgen herstellt, ist etwas wie die Muttersubstanz des Chlorophylls. Es arbeitet auch im Dunkeln und hat sich an das volle Tageslicht vielleicht bei der ersten Landsteigug des Lebens angepaßt, könnte man sich vorstellen.

All diese Erwägungen gehören in einem übertragenem Sinn zu den Problemen jenes tibetatinschen Lithobiontenlebens, das hier dargestellt ist.

Denn von hier aus kann man den Weg verfolgen, wie sich aus den lokal angepaßten Lithobionten das Edaphon herausbildet, das seinerseits dann den Humus aufbaut.

Es gelang, ohne weiteres Zutun als Wasser und Luft, aus den ersten Anfängen des Umbaus eine viel reichere Lebensgemeinschaft zu entwickeln. Man brauchte nur andere bekannte Lithobionten dazufügen. Von da an wurden die Splitter nicht nur einzeln besiedelt, sondern auch zu einer Art loser Decke verbunden. Grüne Algen und farblose Actinomycesfäden spinnen sich von einer Kante zur anderen. Es entstand etwas wie ein sehr merkwürdiges Gewebe, das als Grundlage die Silikatsplitter hatte, in welchem jedoch die organische Komponente immer mehr zunahm. Aus Kolloiden bildeten sich gemischte Zoogloen. Bodo sp. und Scenedesmus quadricauda waren die ersten höheren Einzeller, die mit lebhaftem Grün umherschwammen.

Das dauerte nicht mehr als drei Monate.

Man könnte sagen, daß sich eine Art "Microwiese" entfaltete, die rasch an Indivividuen und Arten zunahm. Die Splitter rundeten sich in ziemlich gleichmäßiger Korrosion ab. Es gab kaum noch unbesetzte. Eine zusammenhängende Formation war entstanden, wo vorher nur einzelne einzellige blasse Algen ein sehr armseliges Auskommen gefunden hatten. Ein fast ganz steriler Silikatsand hatte sich in eine Zwischenstufe verwandelt, aus welcher dann in weiteren 5 Monaten sich Detritus bildete. Der ganze Prozeß konnte genau beobachtet werden. Er verlief durchaus folgerichtig, Stufe um Stufe trat das Mikroleben an, und jede Stufe stellte höhere Lebensbedingungen als die vorhergehende. Ein wenn auch winziger Teil der Erdoberfläche, Zerfallsprodukt des größten Gebirges der Erde, aus einer Höhe, die nicht allzu vielen Gewächsen das Dasein erlaubt, hatte durch die Besiedlung mit Lithobionten seinen Charakter geändert und konnte nun das Leben aufnehmen.

Die Frage, wie ein ständiger Zuschuß von organischer Substanz entsteht, der den schon vorhandenen Humusschatz vergrößert, war damit auf einen Weg gelangt, auf dem sie zweifellos gelöst werden kann. Allerdings verlangt die Lösung, daß man sich von einer Reihe von bisher fälschlich für richtig geglaubten Konventionen befreit, die der Wirklichkeit nicht entsprechen. Denn die Humusbildung der Erde ist ein einziger geschlossener Komplex, der die Kristallisation der Erdbaustoffe ebenso umfaßt wie die plasmatischen Zustände der Geobionten-, Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt.

Im folgenden werden wir weiter auf einzelne Gebiete der lithobiontischen Tätigkeit zu sprechen kommen.

Die jeder Zeichnung beigefügte Organismenliste enthält die Namen der dargestellten Mikroben, soweit sie bekannt und klassifiziert sind.

Tafel 2 Besiedlung von sehr armem Silikatsand durch Lithobionten

Das Material aus Tibet aus 5000 m Höhe war zunächst völlig steril. Es war auch seit Monaten ausgetrocknet. Infolgedessen konnte die Besiedlung vom ersten Augenblick an beobachtet und kontrolliert werden.

An der sich bildenden Biozönose beteiligten sich die nachfolgenden Lithobionten:

Bakterien:

Fluoreszierende Silikatbakterien in winzigen Kolonien

Mikropilze:

der kaliliebende Aspergillus niger
Sehr zarte Gespinste von Actinomyces, ähnlich einer der erdbewohnenden Arten Nocardia
Braune Pilzsporen
Bandartig verbundene runde goldbraune Sporen
Sporen, ähnlich den Sporen der Erdbewohnenden Demnatium pullulans

Urkugeln:

Microcystis Schroeterii
Kolonien von bläulich-grünen und goldbraunen Kokken
viele grüne Micrococcen

Autochtone Microflora:

mit verschiedenen Formen, meist fluoreszent

Blaualgen:

Cloeocapsa muralis
Isocystis flos aquae
Nostoc, verschiedene Formen, auch einzelne Zellen
Stichococcus bacillaris
Phormidium sp.
Oscillatoria Agardhi und princeps

Grünalgen:

Chlorella sp.
Ankistrodesmus sp.

Flagellaten:

Bodo sp.

Kieselalgen:

Meridion sp.
Navicula, mehrere sehr kleine Arten
Tabellaris sp.

Amöben:

Vahlkampfia limax, mit gefressenen grünen Algenzellen

Rhizopoden:

Geococcus vulgarus France


solitäre grüne Zellen
Zysten
die leere Schale einer Cymbella ventricosa
Sichtlich viele lithobiontische Frühformen mit allgemein schlechter Chlorophyllentwicklung

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