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BeitragVerfasst: Fr 22. Apr 2011, 20:02 
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S. 32 - 38, pdf 45 - 54

Tafel 4

Die Umwandlung des Kalkes auf überronnenen Felsen in den sog. "Tintenstrichen"

Dazu Photo eines Steilhanges in den Kalkalpen mit den dunklen Tintenstrichflecken

Dire Verwitterung des Kalkes, d.h. all jener Verbindungen von Kalk mit anderen Mineralien und vor allem mit den Karbonaten, geht wesenlich schneller als die der Urgesteine. Das läßt sich leicht aus dem völlig anderen Ursprung der Kalkverbindungen erklären. Der fast Jahrhundert lange Streit der Gelehrten, ob die auf vulkanischem oder wässrigem Weg entstanden sei, findet hier sein natürliches Ende. Die Silikatgesteine sind plutonischen Ursprungs, die Kalke stammen aus der Sedimentation der Meere und der Süßgewässer der Erde. Sandsteine dagegen sind Gesteine aus zweiter Hand. Denn sie bauen sich aus Mineralpartikeln auf, die schon einmal Gebirge waren, durch Erosion abgetragen wurden und in den Tiefen fossiler Meere sich durch Sedimentation in langen Erdperioden aufs neue zu Gebirgen verfestigten. Sie sind also kein "gewachsener", sondern gewissermaßen nur "zusammengesinterter" Stein, der dann freilich durch Eigendruck eine oft erstaunliche Festigkeit erlangte. In diese Kategorie fallen auch die sog. "Bankkalke", die ganz ohne Versteinerungen und Einschlüsse plumpe, grobe harte Kalksteine liefern. Schiefer wieder sind mineralisierter Schlamm, locker, wenig widerstandsfähig, oft mit glänzenden Glimmern durchsetzt. Sie alle erodieren viel schneller als Basalte oder Granite oder Grauwacke, deren Gefüge schon hohe Schmelzgrade überdauerte.

Wenn man von Erosion spricht, so muß man sich also erst ein Bild davon machen, welche Gesteine unter welchen Umständen erodieren.

Man glaubt, solche Erwägungen wären selbstverständlich, aber nach meiner Erfahrung ist eine Erinnerung daran wohl am Platz.

Was immer der Sedimentation entstammt, ist niemals rein mineralisch. es besitzt eine zwar stark wechselnde, aber stets ansehnliche organische Quote. Die drückt sich nicht nur in dem Kalk-Kohlenstoffverhältnis solcher Gesteine aus, sondern sehr merklich in Zeit und Form der Aufschließung.

Stets ist Schwefelsäure oder Schwefelwasserstoff vorhanden, der vielleicht noch aus alten Urmeeren herrührt, ganz sicher aber aus den Rückständen einstiegen Lebens. Es gibt auch Methan, Kohlensäure, Kohlendioxid und Spuren einstiger Faulgase. Phosphor- und Stickstoffvernbindungen, organische Säuren und eine ganze Auswahl von Salzen und Bittersalzen sind da. Als die Alpen als die jüngsten Kalkgebirge in Europa quer durch fast den ganzen Kontinent aufgefaltet wurden, stieg dieses hoch biologisierte Gestein mit allen seinen Versteinerungen ans Tageslicht. Aus den Sätteln hat man berechnet, daß es in einer gemeinsamen Kammlinie an die 120 000 m hoch gewesen sein muß, also um ein Viertel bis Fünftel höher als der Kaukasus und viel höher als die Anden, der afrikanische Gaurinsankar und die übrigen Gesbirge unseres Gestirnes.

Wenn man an seine Herkunft denkt, so wundert man sich durchaus nicht, daß es in kürzestem einer wütenden Erosion verfiel, wozu die mit der Auffaltung verbundene tektonische Erdunruhe sicher nicht wenig beitrug. Auch heute noch "wandern" ja die Gipfel der Zentralaplpen und Erdstöße sind an der Tagesordnung. Die Abtragung durch Wasser, Wind und Tektonik erfogte seither bis auf weniger als die Hälfte, was den einzigen Mont Blanc, auf ein Viertel oder Drittel, was die anderen Spitzen und Massive betrifft. Das gilt aber nicht nur für die Alpen, sondern für alle Kalkgebirge, deren Herkunft aus unähligen abgesunkenen Lebensresten niemals eine einheitliche Kristallisation erlaubte.

Nicht nur die Alpen sind für die romantischen Formen ihrer Verwitterung bekannt. Nadeln, Grate, Spitzen, Hörner, schief aushängende Platten, ausgeschliffene Gletschertöpfe und Höhlenbildungen aller Kalkgebirge ergeben ein überaus vielfältiges Bild. Das alles geht unter in einem wilden Verfall durch die Erosion, die hier weit mehr als eine mechanische eine mikrobiologische ist.

Der schönen und sehr artenreichen Bergflora entspricht die Mikroflora der Lithobionten, die beinahe niemals die Armut auf Silikatgesteinen oder Silikatsand zeigt. Wo nur irgendeine dünne Wasserrinne aus einem Felsen heraustropft, ist auch die steilste Wand bewachsen. Kalkgebirge sind zwar wasserarm, es finden sich nur wenig Wildbäche, aber in allen Spalten wuchert das unsichtbare Leben. Breite schwarzgrüne Streifen kleben dick und elastisch an den Wänden. Sie triefen von Wasser wie ein nasser Schwamm. Manchmal sind sie fast 2 cm im Durchmesser. Unter ihnen, neben ihnen rieselt es, und dunkle Stellen markieren die Feuchtigkeit von Gewächsen, die hier Wasser nicht nur aus dem Stein, sondern auch aus den Niederschlägen und der Luft kondensieren. Das unbewaffnete Auge erkennt nur Gewirre von grünen oder rötllichen Fäden, fast unzerreißbar mit dem Fels verwachsen.

Hier ist das Paradies der Lithobionten.

Die Tafel 4 gibt eine Auswahl jener emsig zersetzenden Welt wieder, die in erstaunlicher Verträglichkeit durch- und übereinander wuchert. Im Vergleich sind sie viel üppiger als eine blühende Wiese. Die Liste gibt eine lange Reihe von Namen wieder.

Nicht nur im Urwald, auch auf dem Stein dominiert die Pflanze. Es sind alles Algen, Blau- und Grünalgen, einzeln, beweglich, unbeweglich, schwimmend, gleitend, in enorme Kolloidmäntel eingebettet, fädig, in kompakten Kolonien.

Sie sind zwar alle grün, aber das Grün ist sehr different. Es ist auch nicht immer Chlorophyll, sonder Phaeophyll und gelbes Xanthophyll ist darunter. Die Oscillatorien haben alle Töne von Türkis. Die Nostoc-Ketten wechseln zwischen Aquamarin und Olivbraun. Hellrot ist die einzige Luftalge, die Veilchenalge, denn denn sie besitzt wirklich einen zarten Veilchenduft, die Trentepohlia sp., die niemals auf dem nassen Felsen selbst Platz findet. Sie legt ihre gläsernen Kugelgespinste über das Wirrsal, in dem sie sich von hellem Gelbgrün bis zur smaragdenen Vaucheria die ganze Grünpalette mischt. Algenschwärmer bohren sich durch enge Pässe. Weder sie schlanke, spitze Synedra ulna, eine der häufigsten Kieselalgen, noch die Hatzschia amphyoxis, die der Kalkwelt zugehörig ist und auf Silikatböden kaum gefunden wird, weichen aus. Verschiedene Palmellaformen liegen wie glänzende, durchsichtige Kissen, die nur einzelne grüne Chromatinzellen enthalten. Wenn man endlich zu der Felsoberfläche gelangt, ist sie tausendfältig zermorscht in locker aufeinander liegenden Körnchen und Kriställchen. Alles ist durchsetzt von den sogennnten "Urkugeln", den grünen Kokken, die in allen ihren Spielarten vertreten sind: der längliche Stichococcus, die bräunlichen Dasychococcus, bläuliche Pleurococcus, Synechococcus minutus un Variationen des Chroococcus. Sie besitzen alle dieselben Funktionsfornm, die offenbar erst das Leben auf dem Stein und von dem Stein erlaubt. Ein dicker Kolloidmantel schützt die einzelnen, auch oft kleeblattartig zusammengefügten Chlorophyllzellen sowohl vor Erfrieren wie vor Austrocknen. Die Spanne von ca. 120 Grad C (60 Grad plus und 60 Grad minus) wird ohne Schädugung von diesen Zellen ertragen. Die Gel-Struktur speichert Wasser. Die Zellteilung ist einfach. Die Kolonien vermehren sich friedlich. Später werden sie gerne von Podiriden, den dunklen Gletscherflöhen, gefressen, deren Darm sowie der von Dorylaimus sp. (das einige der wenigen oligosaproben Nematoden, die schon früh in gut entwickelten Lithobiontenkolonien auftauschen) von verschluckten Kokken grün schimmert.

Diese einfachsten Lithobionten dringen zusammen mit auchtochtoner Mikroflora tief in das Kalkgestein ein. Sie benützen jede Spalte und füllen sie mit Leben aus. Und da der Frost jeden Winters unzählige fadendünne Ritzen in der Felswand zurückläßt, so geht die Erosion in allen Kalkgebirgen in einem überaus beschleunigtem Tempo vor sich. Dazu löst die Kohlensäure der Niederschläge an sich die Kalkkarbonate, und die in der einstigen Sedimentation enthaltenen Lebensspuren in Form von Phosphor- und Nitrogenverbindungen werden von den Lithobionten übernommen. Über lange Erdperioden hinweg reichen die niemals völlig unterbrochenen Lebensketten.

Auch darin liegt eine Bedeutung der Lithobionten.

Aber, wie gesagt, jene vom "Biologischen Institut" ausgehenden Untersuchungen so gut wie unbekannter Gruppen wenig erforschter Organismen fanden keinen Widerhall. Auch nach dem Tode Francès wurden sie von der zünftigen Mikrobiologie kaum beachtet. Erosion blieb eine ausschließlich erdphysikalische und chemische Erscheinung, deren tief eingreifende Wirkung erst seit einem Menschenalter richtig erkannt wurde. Ich war die einzige, die die ersten Untersuchungen wieder aufnahm und auch praktisch verwertete. Und sie erwiesen sich im Laufe meiner Arbeit als jene unentbehrliche Brücke, die vom Mineral zum Humus führt. Aber es hat immerhin faßt ein halbes Jahrhundert gedauert, bis festgestellt werden konnte, daß ein ständiger Humuszuwachs aus dem Abbau von Mineralien der fruchtbaren Erde zufließt - vorbereitet von einer spezifischen Gruppe des Bodenlebens für jenes Bodenleben, dem Mensch, Tier und Pflanze ihre Existenz verdanken.

Da man es hier sehr ausgesprochen mit dem Problem der Biozönose zu tun hat, möchte ich noch einiges darüber sagen.

Bisher galt nur das Zellenleben des Vielzellers als eine Lebensgemeinschaft. Eine bessere Kenntnis des freilebenden Einzellerlebens muß uns jedoch die Erkenntnis vermitteln, daß es überhaupt nur Lebensgemeinschaften gibt, sie seien nun in einem Zellverband vereinigt oder nicht.

Es muß also auch das Bodenleben in seinen verschiedenen Phasen, über die noch zu sprechen sein wird, als eine Lebensgemeinschaft verstanden werden. Faktisch fällt es unter den Begriff einer Formation so wie der Wald oder das Meer. Ich vermute aber, daß diese Tatsache keineswegs nach den Gesetzen der Lebensgemeinschaft beurteilt wird. Das geht schon daraus hervor, daß dem Landwirt in zunehmendem Maß "biologische Mittel" empfohlen werden, durch Impfung mit x-beliebigen Bakterien oder Regenwürmern seinen Boden zu verbessern. Ebenso rät man ihm, Bodenwaschungen, Bodenvergasungen und Injektionen mit gefährlichen Giften vorzunehmen, die ihn von diesen oder jenen Parasiten befreien sollen. Der Gedanke, daß man damit auf das schwerste einen natürlichen Ausgleich stört, erscheint nicht einmal als ferner Silberstreif am Horizont der Erwägungen. Es nehmen infolgedessen auch die Mangelkrankheiten des Bodens zu. Und zweifellos erzieht man auch hier giftfeste Schädlinge, die vielleicht später Dominanten schaffen, die dauernd den Zustand des Bodens aus dem Gleichgewicht bringen. Andererseits haben sehr namhafte Gelehrte schon vorgeschlagen, z.B. die Protozoen des Edaphons, deren praktischer Nutzen vorläufig nicht in Mark und Pfennig berechnet werden kann, ein für allemal auszurotten, weil sie von Bodenbakterien leben, die man samt und sonders für allein erntesteigernd hält. Nun sind zwar keineswegs alle Bakterien vorteilhaft für den Landbau, denn auch sie sind sowohl bei den Stickstoffsammlern (wie die Knöllchenbakterien) wie bei den Stickstoffabbbauern (wie Bact. proteus und Bac. subtilis) vertreten. Es ist aber richtig, daß die Ciliaten und Flagellaten, ganz abgesehen von den Rädertieren, Unmengen von Bakterien und kleinen Monaden vertilgen. Es lassen sich hier zuverlässige Zahlen nicht angeben, weil Einzelbeobachtungen nicht dem Freilandleben entsprechen. Würde man jedoch - was allerdings garnicht möglich ist - Wimpertierchen und Geißlinge vernichten, so würden die Bakterien dermaßen zu nehmen, daß die Luft- und Wasserversorgung, vor allem aber die Struktur der Erde, für Kulturpflanzen nicht mehr erträglich wären. Denn wir haben Beispiele genug, daß z.B. Mikroben, die tote Zellulosen verzehren, bei allzu großer Zunahm,e sich auch von lebenden Wurzeln und sogar oberirdischen Pflanzenteilen ernähren. Ein vollkommenes Chaos würde auf diese Weise entstehen, und die sinnvolle Ordnung, in der sich Auf- und Abbau der fruchtbaren Erde, ihrer Vor- und Nachstufen vollziehen, wäre hoffnungslos gestört.

Ebenso ist bei der Tätigkeit der Lithobionten eine zuverlässige Zusammenarbeit notwendig. Obwohl wir keineswegs lückenlos den ganzen Vorgang der Mineralhuminifizierung kennen, kann man doch mit einiger Sicherheit sagen, daß die einfachsten und wenig empfindlichsten Formen, eben die grünen Kokken und die autochtone Mikroflora, mit der Besiedelung beginnen. Unbedingt produzieren sie die widerstandsfähigsten Kolloidmäntel, welche diese primitiven Kleinpflänzchen vor Temperatur-, Luftfeuchtigkeits- und Lichtexstremen schützen. Gegebenenfalls können sie ebenso gut in sehr viel wie einem Minimun an Wasser leben. Die meisten sind festsitzend und daran gewöhnt, in ungezählten Scharen nebeneinander zu existieren. Sie sind es, die dann eine Art von lebendem Nährboden schaffen, auf dem die höher organisierten Blaualgen, vor allem die große Familie der Oszillatorien und Nostociden, auch die häufigen Phomidiumarten, die sich später festsetzen. Diese zweite Gruppe ist viel anspruchsvoller, besonders in Hinsicht des Lichtgenusses. Sie assimilieren, wenn es sich nicht gerade um lila oder gelbgrüne Dämmerformen handelt, nur bei genügend Belichtung, brauchen auch, da ihre Kolloidproduktion nur verhältnismäßig schwach ist, Schutz gegen Hitze und Frost. Man sieht das an der kleinen Gesellschaft der Thermalalgen, die ausschließlich von Blaualgen, d.h. Oscillatorien gestellt wird. Der Aufenthalt im bis zu 85-grädigen sprudelnden Wasser kochender Geysire hat sie gezwungen, sich mit enorm dicken Kolloidhäuten zu wahren. Im Vergleich zu den ganz nahe verwandten lithobiontischen Oscillatorien fällt der Unterschied in der Kolloidalisierung sofort in die Augen.

So ist auch die Anordnung, wie sich die Lebensschicten übereinander lagern, ganz gewiß nicht zufällig. Denn das unter den obersten Lagen dick wuchernde Keimbett ist für die äußersten "Anrainer" zugleich eine unerschöpfliche Sicherheit der Ernährung, da sie sowohl hochmineralische Infusionen als Eiweiße und aufgelöste plasmatische Verbindungen von dort bekommen. Auch später, wenn Flechten, Moose und Gräser sich einstellen, verwurzeln sie sich in der Decke der Lithobionten, aus der sie Nahrung und Wasser beziehen. Dieses erste Leben schafft überhaupt die Basis für alles höhere Leben dort, wo eben das höhere Leben ohne diese -Vorbereitung allein nicht fortkommen würde. Das Zusammenwirken aller mit allen ist aber nicht zufällig, sondern verläuft bemerkenswert gesetzmäßig. Nur ist die Bandbreite solcher Biozönosen sehr groß. Einzelne Lokalformen oder jahreszeitlich bedingte Änderungen können sich immer einschalten. Fast alle die Einzelorganismen haben vikarierende und konvergierende Arten, die sich gegenseitig jederzeit auswechseln können.

Die Bedeutung einer Biozönose besteht darin, daß sie nicht - wie das im Körper der Vielzeller etwas Gegebenes ist - aus Zellen verwandter Arten besteht. Es ist im Gegenteil für sie charakteristisch, daß durchaus zusammengehörige Arten, Mikropilze, Bakterien, Viren, Mikroalgen, Protozoen und Kleinwürmer miteinander leben, die zuweilen gar nicht freundlich gegeneinander gesinnt sind. Innerhalb einer großen Zooglöa geschieht es immer wieder, daß Ciliaten und Rotatorien Bakterien und Monaden jagen oder Algen von ihrem Aufwuchs an winzigen Einzellern abweiden. Trotzden besteht die äußerlich durch Bildung einer Zooglöa gekennzeichneten Biozönose weiter und der Organismenbestand vermindert sich eigentlich auch nicht wesentlich. Der gemeinsame Kolloidmantel wird als Schutzzelt benützt, das allen vorteilhaft ist. Das wäre, wenn man diese Tatsache auf einen Vielzeller übertragen könnte, etwa so, als ob sich in seinem Körper bestimmte Vereinigungen bildeten, in denen Freund und Feind Blutkörperchen, Gewebszellen und eingedrungene pathogene Bakterien friedlich unter einer gemeinsamen plasmatischen Decke nebeneinander leben würden. Macht man sich die völlige Unmöglichkeit eines solchen Zustandes einmal klar, so erhält der Begriff "Biozönose" einen Wert, der bisher garnicht in Betracht gezogen wurde. Denn der Vielzellerleib bringt es niemals mehr als auf Symbiosen, d.h. auf engere Verbindungen mit einem oder ganz wenigen "Mitbewohnern", die aber dafür entscheidende Leistungen, z.B. bei der Verdauung, übernehmen, so wie das die Darmflora von der Termite bis zum Menschen tut.. Das gibt es freililch innerhalb einer Biozönose auch, denn viel Wimpertierchen beziehen von ihren in die Außenmembran eingelagerten kleinen grünen Monaden und einzelligen Algen sowohl Sauerstoff als Eiweiße und Wirkstoffe.

Entscheidend sit der gemeinsame Lebensraum, der von Pflanzen, Tieren und Menschen ohne weitere Umstände ausgewechselt werden kann. Für diese unsichtbaren Pioniere des Lebens jedoch ist es so wichtig, einen auch nur halbwegs geeigneten Lebensraum gefunden zu haben, daß sie auf ihm ausharren und Einschränkungen jeder Art auf sich nehmen. Dieses Bestreben ist deutlich erkennbar.

Vermutlich muß man von diesem Gesichtspunkt aus auch die Landsteigung der Lebewesen beurteilen. Sie ging zweifellos über die Lithobionten, schon darum, weil nur sie allein imstande sind, Gesteine in Detritus unzubauen. Sicherlich waren solche unsäglich einfach strukturierten Urkugeln die ersten, die es lernten, ihre zarten, dem Wasser angepaßten Kolloidmäntel zu verdicken und als sichere Festlegung zu gebrauchen. Erst bei ihnen findet man die Gewohnheit, winzige Mineralpartikel, die aus dem Gesteinsgefüge herauserodiert wurden, in die Zooglöa mit aufzunehmen und dort vollends umzubauen. Bakterien, die ja auch unter einheitlichen Schutzdecken in Kolonien leben, tun das niemals. Sie beschränken sich auch in der Natur ausschließlich auf plasmatische Keimböden.

Tatsächlich haben die Lithobionten, besonders jene ganz primitiven, ihre urzeitliche Gewohnheiten beibehalten. Das, was sie heute tun, haben sie unverändert schon vor vielen Jahrmillionen getan. Sie schufen dem Leben den untbehrlichen Lebensraum, indem sie ihm zunächst für sich selber vorbereiteten. Wie selbstvertsändlich, daß alles, was an Einzellern dann nachher denn selben Weg ging, in diesen Lebensraum einwanderte, einwandern mußte, weil nur hier die Vorbedingungen zur eigenen Existenz und zur Fortpflanzung vorhanden waren!

Es kann sein, daß das Einzellerdasein ganz zu Anfang etwas wie eine sehr bescheidene Symbiose war. Aber nur über die Biozönose konnte es zu jener Formation werden, als die es tatsächlich die ganze Erde beherrscht.

Humus beginnt mit der ersten mineralischen Zersetzung durch die ersten Lithobionten. Man nimmt heute an, daß jene ersten Urmeere nur Flachmeere mit geringem Salzgehalt waren. Denn die Salze lagen noch in den Gesteinen, aus denen sie erst im Lauf von vielen Erdperioden ausgewaschen wurden. Wenn das richtig ist, so würde das heißen, das die Lithobionten erst allmählich lernten, ein salzholdes Dasein zu führen, als sie sich zunächst in der Spritzzone des Ufer ansiedelten. Vielleicht gewöhnten sie sich auch damals erst an Schwefel, Eisen, Kupfer, an Mangan und Magnesium, an die Spurenelemente, wenigstens an eine vile stärkere Dosis, als vordem im Wasser gelöst war. So wuchs die Zahl ihrer Anpassungen, die sich immer mehr auf das Leben an Land und auf den Fels bezogen.

Sie brauchten keine andren Anpassungen und sie haben über die Chemie der Gesteine hinaus auch niemals andere Anpassungen entwickelt. Sie führten ihr fossiles Leben weiter, denn sie blieben in ihrer fossilen Umwelt.

Viele von ihnen kommen auch heute noch nicht über die einfachste aller Fortpflanzungsgewohnheiten, die unkomplizierte Zellteilung hinaus. Die Urkugeln kennen nicht einmal die freiwillige Enzystierung durch Ausstoßen des Zellwassers, sondern fliegen, wenn sie in die Luft hinaufgerissen werden, einfach als Gallertbällchen davon. (Wir werden auf den späteren Tafeln sehen, wo überall solche Urkugeln landen und sich dann auf eine neue Existenz einrichten.) Erst die Schwingfäden - also alle fadenartigen Homogonales - und die kettenbildenden Nostoc-, Anabaena- und Isocystenarten stellen Dauerzellen her oder fallen zystenartig auseinander. Die Kieselalgen teilen sich so lange, bis sie die Verjüngung einer prosexuellen Verschmelzung nötig haben. Und erst die fädigen Grünalgen wie Vaucheria, Microspora, Stigeoclonium, Spirogyra, und andere dieser Gruppen bedienen sich einer vollsexuellen Vermählung durch männliche und weibliche Geschlechtszellen. Aber zwischen diesen einzelnen Stufen liegen wahrscheinlich Jahrmillionen und verlorengegangene Anpassungsformen, die dann vielleicht in besonderen Spezies unter Sonderumständen wieder aufgenommen und neu umgebildet wurden.

Dies ist der erdgeschichtliche Hintergrund der Lithobionten, welche die Erfindung der ersten Biozönose machten und lernten, das Unlebendige in Leben und lebendige Umwelt zu verwandeln.

Tafel 4

Mikroflora der Tintenstriche

Die grünschwarzen, schleimigen Lager auf überronnenen Felsen (Kalk oder Urgestein) lösen sich mikroskopisch in eine Biozönose von Lithobionten auf, die jene äußerst wichtige Vorverrottung auf rein mineralischer Basis leisten. Sie wandeln den Stein direkt in organische Substanz um. Alle Teilnehmener produzieren enorme Mengen organischer Kolloide, die sie von den Jahreszeiten gänzlich unabhängig machen. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Mikroflora, während die Mikrofauna auf dieser Stufe noch kaum vorhanden ist. Überwiegend oligosaprob und halophil.

Im Querschnitt treten Ketten- und Fadenalgen auf, die nicht selten von der roten Luftalge Trentepholia aurea, die nicht so viel Nässe verträgt, als Basis benützt werden.

Blaualgen:

Phormidium autumnale
Oscilatoria splendida
Phormidium foveolarum
Nostoc Linckia
Isocystis infusionum
Microcystis flos aquae
Microcystis aeroginusa
Gloecapsa muralis
Palmeölla miniata (zimtbraun)
Phormidium fragile
Nostoc mucosis

Von Grünalgen:

Vaucheria geminata
Schitomeria Leibleini
Chlorella in verschiedenen Formen
Ulothix in verschiedenen Formen

Sog. Urkugeln (stehen den Blaualgen sehr nahe):

Dasychococcus sp.
Synechococcus sp.
Chroococcus sp.
Stichococcus bacillaris
Gloeothece monococca
Chroococcus minutus
Chroococcum humicolum in ausgedehnten Lagern

Von Kieselalgen:

Navicula atomus
Diatoma vulgare
Synedra sp.
Navicula sp.
Navicula rhynchocephala


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