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 Betreff des Beitrags: Systematisches
BeitragVerfasst: Fr 22. Apr 2011, 07:08 
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Systematisches

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40 Tafeln des Bodenlebens mit der Darstellung eben so vieler Biozönosen seines Auf- und Abbaues sind natürlich nur ein sehr lockerer Querschnitt durch die gesamte Bodenbiologie. Es gibt wesentlich mehr und vor allem viel feiner spezialisierte Lebensgemeinschaften. Manche davon haben sich wohl schon unter fossilen oder besonders extremen Verhältnissen gebildet. Ganz sicher sind andere bis jetzt nur unvollständig oder überhaupt noch gar nicht bekannt. Dazu kommt die außerordentliche Schwierigkeit, die so sehr unter sich und ihrem Lebensraum gegenüber verschiedenen Organismen auch nur einigermaßen auf einen gleichen größenmäßigen Nenner zu bringen. Es gibt da Differenzen von 50 - 500μ. Aber da man doch alle gut sehen muss, um sie dann gelegentlich auch wieder erkennen zu können, kann man nur einen gewissen Durchschnitt benützen, dar aber nicht der Wirklichkeit entspricht.

Für diejenigen, die an dieses Buch noch eigene mikroskopische Untersuchungen anschalten wollen, sei gesagt, dass das Edaphon bei ca. 600facher Vergrößerung schon recht gut beobachtet werden kann. Wichtig ist dagegen eine ausgiebige Lichtquelle. Für Bakterien allein braucht man unweigerlich eine Immersion, auch evtl. Phasenkontrast. Wer das Glück hat, sich eines Elektronenmikroskopes bedienen zu können, erhält bei 20000 – 100000facher Vergrößerung selbstverständlich ein ganz anderes Lebensbild eines Virus oder eines Bakteriums, dessen er aber nur zur bakteriologischen Laboratoriumsarbeit bedarf. Für biologische Bodenbonitierung oder auch nur edaphologische Bestandesaufnahmen genügt eine mittlere Vergrößerung. Sie hat den Vorteil, dass man dabei die jeweilige Lebensgemeinschaft mit zu beurteilen vermag.

Alle derartigen Analysen fußen jedoch zunächst auf der Feststellung, ob es sich um eine aufbauende oder eine abbauende Biozönose handelt. Die stets fluktuierend ab- oder zuwandernder Organismen, mitunter sogar ganze Organismengruppen, muss man genau beachten. Aus ihnen kann man Vorgänge in der Humusbildung feststellen, von denen man sonst nichts ahnt.

Gewisse Stufen innerhalb des Gesamtvorganges entwickeln immer flüchtige Dominanten, die aber bald wieder verschwinden. Ein lokales Auftreten von massenweisen Protozoen und Mikropilzen hat stets seine Ursache in Veränderungen des Lebensraumes und dessen biochemischen Zuständen, Wenn man bei seinen Untersuchungen solche Ursachen herausbekommt, so erhält man dadurch zuweilen den Schlüssel zu schwerwiegenden Bodenveränderungen, die später wieder über Qualität und Quantität der Ernten entscheiden. In solchen Fällen ist es angebracht, den Vorgang an Hand von Kontrollen zu beobachten, die man unter Umständen ein Jahr und länger fortsetzen muss, wenn es sich um unerklärliche Periodizitäten handelt.

Alle Tests, die auf Grund von Laboratoriumszüchtungen gegeben werden, sind für das natürliche Bodenleben nicht zu gebrauchen. Das ist etwas, was man sich mit großen Buchstaben auf seinen Arbeitsplatz schreiben sollte. Denn alle Zuchtmikroben sind gezwungen, entnatürlicht, unter künstlich zurechtgemachten Lebensbedingungen zu existieren, die es im Freilang nicht gibt und auch niemals geben kann. Sie müssen also Eigenschaften und Anpassungen entwickeln, die sie eben unter den ursprünglichen Verhältnissen nicht besitzen. Man darf aber solche, nur fallweise hervorgebrachte Eigenschaften nicht ohne weiteres auf Freilandorganismen anwenden oder sie ungeprüft bei ihnen voraussetzen. Tut man es, so erhält man ein völlig falsches Bild, vor allen in Hinsicht des sozialen Zusammenlebens und seiner Voraussetzungen. Ich kann aus meinen langjährigen Erfahrungen nicht ernstlich genug davor warnen.

Die Anpassungsfähigkeit der Geobionten umfasst einen sehr großen Kreis. Man darf daraus schließen, dass sie nicht nur schon sehr alt sind, sondern dass sie unter vielerlei Umständen zu leben gezwungen waren, weil sie durchaus nicht immer den störenden Einflüssen, die oft katastrophengleich über sie hereinbrachen, entgehen konnten. Sie haben sich auch im Lauf von langen Erdperioden an verschiedene Floren anpassen müssen, die inzwischen ausgestorben sind, aber einmal die Pflanzenwelt so beherrschten, wie heute unsere Landschaftsformationen es tun. Aus allem, was wir vom Erdaltertum und vom Erdmittelalter wissen, können wir schließen, dass es in der Hauptsache drei große Formationen gegeben haben dürfte: Den Sumpf, den Urwald und die Wüste. An diese Dreiheit mussten sich die bodenbewohnenden Einzeller angleichen. Noch mehr, sie mussten einen Eigenschaftskomplex entwickeln, der gegebenenfalls z. B. sowohl im Sumpf als in der Wüste anwendbar war. Er musste sie befähigen, ganz entgegengesetzte Lebensbedingungen positiv auszuwerten oder doch zum mindesten zu überdauern.

Vielleicht darf man die Gewohnheit der fast überall üblichen Enzystierung in diesen Kreis der widersprechenden Anforderungen mit einordnen. Wir wissen von sehr altertümlichen Tieren und Pflanzen, etwa der Zungenmuschel (Lingula) und der Araucaria columnea, die noch vor die Nadelbäume zurückgeht, das sie sich nur dot erhalten konnten, wo ihre ursprüngliche Umwelt sich bis heute nicht änderte. So kann man vom Edaphon sicher nicht mit Unrecht sagen, dass die so sichtbar ausgeprägten Fähigkeiten der Enzystierung sich nicht entfaltet hätten, wenn es Jahrmillionen lang eben nur im Sumpf oder nur im Urwald geblieben wäre. Denn da wäre eine solche einschneidende Außenweltanpassung nicht nötig gewesen. Nur will die Erdoberfläche sich unaufhörlich in ihrer Landschaftsbildung abwandelte, musste es den Einzellern möglich sein, auch in der Wüste oder gar nur im Luftraum ein wenn auch passives Dasein zu führen, das sich bei Rückkehr in das zugehörige Milieu sofort wieder in die angeborene Lebensform zurückbildete: Denn die Enzystierung ist ja ein aktiver Prozess, eine Reaktion auf Umweltveränderung, der durch Membranverdickung und Auspressung der Körperflüssigkeit willkürlich bewerkstelligt wird. Wie weit auch die osmotische Wasseraufnahme dann wieder aktiv gesteuert wird, wissen wir nicht. Ganz unwahrscheinlich ist eine solche Steuerung nicht.

Ebenso ist die lebenswichtige Beschaffung von Oxygen von Seiten der Mikroorganismen eine solche Achse, um die sich die Anpassung an verschiedene Lebensräume in scharf getrennten Sektoren herumschwingt. Hier haben sich gewisse Funktionskomplexe gruppenweise abgespalten. Mikroben, die ihren Sauerstoff durch Zerlegung der Atemluft beziehen – das sind die Aeroben. Die biologisch anders gepolte Gruppe reißt ihn aus dem toten, mitunter auch aus dem lebenden Plasma heraus – das sind die Anaeroben. Allerdings gibt es nur einige wirklich obligat Anaerobe unter den Bakterien, und gar keine unter den Protozoen und Mikropilzen. Aber auch die Bakterien weisen eine große Anzahl von fakultativ Anaeroben auf. Das heißt, dass diese Anpassung wohl die jüngere sein muss, weil sich ein solcher Organismus auf beide Möglichkeiten einrichtet. Darf man hier daran denken, dass die Notwendigkeit der Austilgung verwesender Stoffe im Lauf der Erdgeschichte zugenommen hat? Auf der menschlichen Ebene hat sie zugenommen, weil auch die Menschheit zugenommen hat. Das ist nicht zu leugnen. Haben aber auch schon die einst weltbeherrschenden Ammoniten und die Riesenkadaver der Saurier eine solche Zunahme hervorgerufen? Sind zu irgend einem solchen Zeitpunkt eine Reihe von Einzellern zur polysaproben Lebensweise übergegangen?

Wir wissen es nicht.

Das einzige, was sich mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass sich unter den echten Lithobionten keine Polysaprobier finden, dass sie alle dagegen außerordentlich luft- und sauerstoffbedürftig sind. Und dass mit den Lithobionten die große Landsteigung der Mikroben anhebt – daran kann man heute nicht mehr zweifeln. Denn sie allein sind salzhold und imstande, Mineralien aufzulösen und in organische Substanz umzusetzen:

Bis jetzt haben sich die ökologischen Forschungen, das Edaphon betreffend, nicht so weit ausgedehnt. Humus und biologische Humusbildung fangen eben erst an, in den Köpfen Einlass zu finden. Die Humuswissenschaft ist eine noch sehr junge Wissenschaft, die teilweise noch recht ungern gesehen ist und mit vielen älteren vorgefassten Meinungen zu kämpfen hat. Fragen, wie die hier oben aufgeworfen, liegen noch vollzählig in der Zukunft.

Doch lässt sich auch heute schon einiges von grundlegender Wichtigkeit sagen:

Das Bodenleben ist unzweifelhaft die zahlenmäßig größte und bedeutendste Formation, welche nicht nur alle Lebensformen der Einzeller, sondern auch so und so viele Mehrzeller umfasst. Vom
Virus bis zu Nematoden und Rotarien in deutlich unterscheidbare Stufen gegliedert, bewältigt es alle Arten der Umbildung von Gasen, Flüssigkeiten, Kolloiden und festen Materien, die auf, in und über der Erdoberfläche auftauchen und überhaupt umbaufähig und zu Umbauten bestimmt sind. Was immer davon später in Körper ausgewandert ist, lebt nur zeitweilig in Körpern als vorübergehendem Lebensraum. Immer wird ein solches Dasein, das für den Menschen meist eine Infektion und eine ganze Anzahl von Krankheiten bedeutet, von einem zeitweiligen Freilandleben abgelöst. Ob sich dieses Freilandleben dann in einem Misthaufen, in Müll und Abwässern, in anderen Körpern und Zwischenwirten vollzieht – es umfasst dieselben Tätigkeiten des Abbaus. Denn ein so kleiner Organismus ist nur an eine lebenserhaltende Tätigkeit angepasst, und die übt er aus, wo immer er sich befindet und wo immer er dazu die Möglichkeit hat.

Als gut überschaubares Schema merkt man sich vielleicht am besten folgende Einteilung:

Als Lithobionten steuert das Bodenleben den ständigen Zustrom von neu umgewandelter anorganischer Substanz, den es aus Licht, Gas, Wasser und Mineralien herstellt. Es wandelt in dieser Form die Erosion und einen großen Teil der Sedimentation in organische Substanz um.

Als Edaphon baut es aus der abgelaufenen Verrottung, Vergärung und Verwesung Humus auf und schafft damit für Pflanzen, Tiere und Menschen eine Lebenszone.

Als polysaprobe Abbauer zerlegt es Totes aus millionenatomigen Großmolekülen zu wenigatomigen Bausteinen neuen Lebens, produziert Gase und Flüssigkeiten und befreit die Erde von giftigen Resten. Seine Tätigkeit ist in diesem Fall eine Allsanierung des unvermeidlichen körperlichen Allzerfalls.

Als Plankton endlich vollzieht es die Reinigung der Gewässer, süßer und salziger, klärt und durchlüftet sie. Es ernährt unzählige Wasserwesen und setzt einen ungeheuren biologischen Kreislauf, vom mikroskopischen Krebschen bis zu Walfisch, von treibenden Kieselalgenwatten bis zum Fischadler, in Bewegung. An allen diesen Lebensstufen partizipiert der Mensch mit, denn die Erde ist bekanntlich ein Wasserstern und das Meer samt den süßen Gewässern sind die großen und unerschöpflichen Ernährer des Homo sapiens. Tatsächlich aber kann man zwischen Plankton und Edaphon keine wirkliche Scheidewand ziehen. Denn über die Verlandungsflora enthält es dieselben Grundformen von Bakterien, Protozoen, sogar Rhizopoden und Mikropilzen, wie das in der Erde hausende Bodenleben. Anders ist nur der Lebensraum, der andere Anpassungen erfordert.

Ohne die Existenz dieser so unendlich vielfältigen und vielformigen Großformation im Unsichtbaren gäbe es auf der Erde kein höheres Leben. Sie ist vollendet aufeinander abgestimmt, dass auch nicht einer dieser zahllosen Fäden fehlen dürfte. Keine menschliche Technik könnte ihn ersetzen. Denn es sind das alles schon längst gesetzmäßige Abläufe geworden, die bereits mit der Entstehung des Lebens auf unserem Gestirn begonnen haben dürften. Lange, ehe der Mensch erschien, hatten sie schon ihre Dauerausgleiche gefunden.

Man muss sich fragen, ob es bei dem heutigen Stand der Humuswissenschaften möglich ist, etwas über die erdgeschichtliche Historie des Bodenlebens zu erfahren. Wenn ja, so kann es nur in einer Anzahl von Bruchstücken sein, so wie unserer geologischen Kenntnisse ja letzten Endes die Stufe des bruchstückhaften Wissens heute noch kaum überwunden haben.

Unbekannt sind uns die entscheidenden Daten über die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten. Wahrscheinlich ist nur, dass es vorher Zeiten gegeben haben muss, die ohne plasmatisches Leben waren, Ursache und Umstände sind uns nicht weniger unbekannt Bis jetzt kennt man nur mehr oder minder verlockende Hypothesen, aber nicht eine hält einer strengen Prüfung stand. Dass nicht von Anfang an Riesentiere und Riesenpflanzen entstehen konnten ist selbstverständlich. Beides gibt es nicht ohne ein entsprechendes Humuskapital, das überhaupt erst die Voraussetzung plasmatischen Lebens ist. Dieses Humuskapital musste also erst geschaffen werden. Aus Beispielen, die auch der Mensch schon mit angesehen hat, wissen wir, dass es nicht nur sehr langsam, sondern dass es auch nur durch meist einzellige Mikroben, durch Lithobionten, möglich ist. Man darf annehmen, dass – was schon früher hier gesagt wurde – die ersten Grün- und Blaualgen samt den wenigen gesteinbewohnenden Bakterienarten aus flachen Urmeeren auf die Uferzone ausgewandert sind.

Ganz sicher bildeten gigantische Ufersümpfe für sie eine Zwischenzone der Anpassung. Erst über sie eroberten sie allmählich das feste und trockene Land. Auch das wird wieder über die Verlandungsstreifen kleiner und großer Rinnsale möglich gewesen sein. In Zeitabläufen, die wir in keiner Weise, auch mit radioaktiven Analysen nicht, messen können, vollzog sich diese Landsteigung, welche zugleich die erste Überlagerung mit kolloidalen, also feuchtigkeitsspeichernden Mikroorganismen mit sich brachte. Denn das wässerige Urelement musste ja schließlich ersetzt werden.

Man macht sich das Bild, dass die fortgesetzte Auswaschung der Gesteinsränder an den Küsten der Flachmeere, in die sich die ersten erudierenden Wildwässer ergossen, die Ursache gewesen seien, dass die Versalzung dieser Wasserbecken immer mehr zunahm. Alles, was darin lebte, hatte sicher Zeit genug, um sich an den höheren Salz – und Bittersalzgehalt anzugleichen. Aber die vor langem ausgewanderte Lithobiontenschar konnte nicht ohne weiteres in das Salzwasser zurückkehren. Sie musste also wohl oder übel auf dem Festland und in den Küstengebirgen bleiben. Alle ihre Anpassungen richteten sich von nun an auf das Leben in freier Luft, auf die Auflösung von Gesteinen, auf die Besiedelung von Mineralien – alles völlig verschiedene Zustände von dem seinerzeitigen Planktonleben.

Die frühesten Urgebirge, die man geologisch feststellen konnte, sind das noch in der Steinkohlenzeit vorhandene Variskikum und ein „Vindelizikum“ genannter hochalpiner- einer Auffaltung, die vielleicht älter, vielleicht jünger war. Die Anfänge von beiden kennen wir nicht. Ganz sicher aber waren das nicht die ersten Gebirge, die es auf Erden gab. Denn beide waren schon bewaldet, und von der Landsteigung der Lithobionten bis zu den ungeheueren Wäldern des Carbons müssen Zeiten dahingegangen sein, die für uns praktisch kaum fassbar sind. Jedenfalls aber bestand in den „Steinkohlenalpen“ schon eine ausgezeichnet entwickelte Humusschicht, die den rezenten Formen durchaus gleicht. Und nach den Gesetzen des Lebensraumes, die niemals anderes gewesen sein können, bedeutet dieselbe Funktionsform unweigerlich dieselbe Funktion, die wiederum nicht möglich ist, wenn die Einflüsse der Umwelt grundlegend andere sind.

Von jener noch lange nicht geschichtlichen, aber doch wenigstens schon erdgeschichtlichen Epoche ab, die man gegenwärtig auf ca. 250 Millionen Jahre einschätzt, während die Bildung einer planetarischer Außenhaut, noch ohne Gesteine und Lebensspuren, mit 2500 Millionen Jahren vermutet wird, gibt es zweifellos Humus, Edaphon und die meisten der Biozönosen, die bis zu uns fortwirken. Das, was man „Entwicklungsreihe der Lebewesen“ nennt, bezieht sich auf die Großpflanzen und Großtiere. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Einzeller um diese Zeit noch neue Formen gar Formenketten hervorgebracht haben sollten. Denn ihre Entfaltung liegt weit früher, wie früh, darüber fehlt uns jeder Anhalt. Mag sein, dass irgendwelche noch unbekannte atomphysikalische Methoden uns einmal tiefer in die Vergangenheit unserer Erde und des irdischen Lebens blicken lassen.

Man kann eigentlich nicht sagen, dass die Entwicklung der Einzeller erstarrt und stecken geblieben sei. Denn innerhalb der Gegebenheiten von Symbiosen und Biozönosen ist der einzelne Mikroorganismus noch immer außerordentlich anpassungsfähig und leistet an lebenserhaltenden Erfindungen erstaunliches. Nur so beherrscht er ja, zerspalten in unzählige Anpassungsformen, die Erdoberfläche und hat es gelernt, außerdem jeden großen Organismus als Wirtstier und Lebensraum zu benützen. Mit den Protozoen, Spaltpilzen und Algen verglichen, sind die Tausende von Lebensfunktionen von Mensch, Tier und Pflanze örtlich und nach ihren Verhältnissen kläglich eingeschränkt und auch ohne die Möglichkeit, diese Schranken zu zerbrechen. Sie sind ja auch unvergleichlich später erschienen, und ihr empfindlicher und anspruchsvoller Körper verrät, dass sie früher aussterben werden – so wie schon so viele von ihnen ausgestorben sind. Die Einzeller werden sich noch lange überleben.


Was den Humus anlangt, so ist er leider viel vergänglicher, als man früher einmal glaubte. Er ist ein Produkt des Zusammenwirkens von erdgeschichtlichen und biologischen Voraussetzungen und kein unbedingt unentbehrlicher Zustand der Erdoberfläche. Die Arktis beider Pole, ebenso wie Meere und Wüsten zeigen, dass es auch irdische Dauerzustände geben kann, in denen die Pflanze nur von unwesentlichem Einfluss ist. Denn der Humus ist die Vorbedingung des Pflanzenlebens, von dem erst wieder Tier und Mensch ihre Existenzbedingungen bestreiten. Vielleicht kann man von diesem Gesichtspunkt aus besser verstehen, wieso es kam, dass die Humusbildung auch lange vor dem Menschen immer nur eine vorübergehende Erscheinung war. Alles, was wir von der Vergangenheit der Erdoberfläche wissen – und nur sie kommt für das plasmatische Leben in Betracht – stimmt darin überein, dass lange Wüstenperioden mit Perioden eines gewaltigen Pflanzenlebens abwechseln. Das daran auch die Tierheit die Schuld tragen könnte, würde sich allerhöchstens auf die pflanzenfressenden Saurier beziehen lassen, deren gigantischem Nahrungsbedürfnis sicher nicht nur Sümpfe, sondern auch Urwälder zum Opfer fielen. Davon kann indes innerhalb der ganzen Erdgeschichte nur ein einziges Mal die Rede sein. Es gab aber in allen Kontinenten und Vorkontinenten Wüsten, die sich über Jahrmillionen erstreckten, in Indien nicht weniger, als in Amerika, in Europa ebenso wie in einem nur noch teilweise bestehenden austro-asiatischen Erdteil. Und durch Polwanderung unterbrachen auch verschiedentlich Eiszeiten alles höhere Leben auf der Erde. Denn Interglaziale von 1000 m Höhe duldeten weder Mammute noch auch eine nur annähernd entwickelte Pflanzenwelt. Alles das flüchtete mit und ohne den Menschen an die Ränder der wandernden Gletscher, wo es unter eiszeitlichen Wäldern an Humusdecken nicht gefehlt haben kann.

Weil aber die Humusentstehung und noch mehr die Humuserhaltung nur dann möglich ist, wenn sie in einen Kreislauf der umzusetzenden Stoffe einmündet, ist sie so leicht verletzbar und zerbrechlich. Nur wenn sich alle daran beteiligten biologischen Formen, die ganze Mikrologie, die ganze Flora und Fauna in sinngemäßer Weise an der ständigen Umwandlung beteiligen, findet diese Umwandlung in einem sich unablässig erneuernden Zirkel statt. Es liegt an der kurzen Lebensdauer des Menschen, auch an seiner Neigung, die irdischen Zustände grundlegend zu verändern und Neues anstelle des Alten zu setzen, das er so lange gebraucht hat, um einzusehen, dass er von sich aus alles tun muss, sich den Humusschatz, der ihm noch aus dem Tertiär überkommen ist, so gut wie möglich zu erhalten. Erst der steigende Humusverfall der letzten Jahrhunderte ist so einschneidend geworden, dass unsere Generation endlich anfängt, über die Ursachen nachzudenken.

Selbst heute noch ist der Landwirtschaft die Vorstellung, dass Humus durch die Laubwälder entstand, viel naheliegender, als die logische Voraussetzung, dass zuerst der Laubwald durch Humus entstehen musste. Dieser Zirkel, der sich ungestört viele Jahrtausende fortsetzen kann, ist die Achse aller unsere Zivilisations- und Kulturformen. Und wenn – dieser Einwand besteht zu recht- die Menschheit sich gegenwärtig so vermehrt hat, dass für den Wald als Humusproduzenten einfach nicht mehr genügend Raum ist, so muss der Mensch , als der größte Nutznießer und Verbraucher von Humus, sich anstelle des Waldes einschalten und aus den Rückständen seiner Bedürfnisse - Humus machen. Das ist die einzige Art, wie er einer katastrophalen Verwüstung der Erde vorbeugen kann. Nachdem ich fast ein halbes Jahrhundert lang unter zu Hilfenahme der verschiedenen klimatischen, geologischen und pedologischen Zustände des Bodens die dazu brauchbaren Methoden ausgearbeitet habe, weiß ich, dass Humus zu machen keineswegs schwierig, dass es nicht teuer, dass es im großen und im kleinen durchführbar ist und das ein richtig gemachter Humus alle Qualitäten besitzt, die man sich von einem natürlichen Urwaldhumus erhofft.

Was sich dabei aber wirklich ändern muss, das ist die innerliche Einstellung, dass es sich hier um Gesetzmäßigkeiten handelt, die unendlich viel älter sind als der Mensch, die auch in einem viel größeren Umfang sich auswirken, weil sie zeitliche Faktoren umfassen, die ihm nicht mehr zugänglich sind. Darum ist es nicht möglich, von Seiten des Menschen aus anstelle dieser tellurischen Gesetze eines des Homo sapiens zu setzen. Denn das würde sonst nicht in diesen kosmischen Abläufen, sondern in den kurzen, wiederspruchsvollen Erscheinungen unserer Welt sich abspielen. Es ist also in jeder Hinsicht besser, sich nach den schon bestehenden, bekannten und ausgeprobten Gesetzen des Bodens zu richten und sie zu befolgen.


Zu diesem Aspekt wäre noch folgendes zu erwägen:

Wenn man eine künftige Rechnung aufstellt, dass sich bis zum Jahre 2000 die Menschheit auf beiläufig 5 – 7 Milliarden vermehrt hat – und solche Rechnungen tauchen jetzt immer häufiger auf-, so gehört es zu den prometheischen Begabungen unseres Geschlechts, die Raum- und noch mehr die Lebensraumfrage noch ganz anders als bisher zu betrachten. Es müssen also alle die Großeinflüsse der irdischen Zustände nachgeprüft und, wo es notwendig ist, neu gewertet werden. Denn viele von ihnen stammen aus früheren Einstellungen, die nicht auf erdumfassenden Kenntnissen beruhten, so wie sie uns heute zur Verfügung stehen.

Da wäre nicht nur die schon erwähnte Besiedelung der Wüsten, die jetzt ein Niemandsland sind und uns etwa ein viertel irdischen Raum zur Bepflanzung schenken würden. Auch das ist eine lösbare Frage, die eben nur Großorganisationen an Zeit, Mittel und Arbeitskräften erfordert. Nur muss man auch sie nach den Gesetzen des Bodenlebens und nicht nur nach technischen Vorstellungen in Gang setzen. Aber nicht weniger wichtig ist die Frage der Erschließung von Halbwüsten und Steppen, die heute völlig unfruchtbar sind. Aus eigener Kraft vermögen sie in Zeiträumen, die für den Mensch praktisch noch in Betrachtkommen, auch kein Wald zu bilden. Ihre Wirkung für Grundwasser, Edaphon und Bildung organischer Substanz ist sehr gering. Auch hier hätte also eine Neuhumifizierung einzugreifen deren Erfolg sich in kürzerer Frist zeigen würde, weil es sich überwiegend um frühere Humusböden handelt, die aus verschiedenen Gründen, auch solchen , bei denen der Mensch keine Rolle spielt, durch Humusverfall verwahrlosten und zugrunde gingen.

Hält man gerade bei solchen Halbwüsten, Dornsteppen und vordringenden Wüstenrändern die Klima- und Niederschlagskurven (die allerdings nicht immer vorhanden sind) gegen jene fruchtbarer, wenn auch bebauter Böden, so wird sich fast stets herausstellen, dass lange Trockenzeiten regelmäßig oder unregelmäßig die Regenzeiten unterbrechen. Das bedeutet dann für das Bodenleben ständige Verluste durch abgeweht werden, jedenfalls aber durch einen fast völligen Stillstand aller Lebensfunktionen, demnach auch der Fortpflanzung und Vermehrung. Unweigerlich sind das Vorstufen fortschreitender Bodenverschlechterung, die immer größere Ausmaße annimmt. Wenn sich erst einmal dauernd eine halbjährige Trockenzeit eingependelt hat, so geht es nicht ohne Staubtromben und sehr bald nicht ohne Flugsandbildungen ab. Das aber ist der Anfang vom Ende.

Wir müssen uns also daran gewöhnen, die gerade in den Tropen und Subtropen so häufige Erscheinung langer Trockenzeit, die zwischen 5 und 7 Monate umfasst, als das anzusehen, was sie in Wirklichkeit ist: ein alarmierendes Zeichen für drohende Verwüstung.

Hier muss alles geschehen, dass wieder Wälder nachwachsen, die allein bekanntlich im Stande sind, das Klima zu ändern und die Niederschläge zu vermehren. Solche Probleme sind nicht Probleme, die irgendwie mit einem Großgeschäft zusammenhängen und an denen man später oder sofort Geld verdienen kann. Das Geld verdienen tritt erst danach in Aktion. Solche Änderungen müssen von Staaten und Regierungen durchgeführt werden, ganz gleichgültig, wie die Regierungsform ist und unabhängig von Politik, Sozialismus, Partei und Religion. Denn hier geht es um den menschlichen Lebensraum. Wenn der Mensch schon die Mühle einer so gewaltigen Geburtenzunahme in Gang setzt, so muss er auch dafür sorgen, dass dieser Geburtenüberschuss Platz findet.

Denn wenn wir das Klima verbessern wollen, so können wir es nur über die Pflanze, und die Pflanze kann es nur über das Bodenleben. Das ist ein Axiom, an dem nun einmal nicht zu rütteln ist.


Klimaverbesserung durch angewandte Humuswissenschaft sollte also als einer der wichtigsten Programmpunkte auf der Liste der künftigen menschlichen Großtaten stehen. Wie sie geschieht, in welchem Umfang sie geschieht, ob sie überhaupt geschieht und welche verzögernden Irrwege man zunächst dabei einschlägt – das gehört auf eine andere Tabelle, die des bekannten Zickzackkurses der menschlichen Leistungen. Was immer noch vom Menschen zugunsten des Menschen getan wurde, musste diesen zeitraubenden und umständlichen Umweg passieren. Nach meinen eigenen Erfahrungen wird es bei den Problemen der richtigen Nutzung der Gesetze des Bodenlebens nicht anders sein.

Wenn man von der heute sich überstürzenden Änderung unserer Zivilisation spricht, so meint man meist nur die überragende technische Spitze, aber ist nicht allein die Technik und auch nicht die Weltorganisation des Verkehrs, die sich über die ganze Erde erstrecken. Es ist nicht minder die Möglichkeit einer besseren Einsicht dafür, wie der Mensch sich sein Leben auf seinem Planeten gestalten kann. Auch ohne Satelliten und ohne Mondrakete zeigt sich uns zum ersten Mal der Prospekt eines Ausgleiches mit der Natur durch Anwendung ihrer Gesetzmäßigkeiten, die wir nur auch dem menschlichen Raum – und Zeitverhältnisse zu übertragen brauchen. Denn sie lassen sich übertragen und sichern uns dadurch die Abkehr vom ständigen, unvernünftigen Raubbau, der unnötig wird, sobald wir uns die Bodenfruchtbarkeit regelmäßig ersetzen können.

Die Hauptsache der systematischen Bodenverwüstung war die Unwissenheit vergangener Generationen, deren Weltbild zu beengt war, um einen Einblick in die großen Kreisläufe zu erlauben, und ohne diesen Einblick kann man nun einmal keinen Begriff der Voraussetzungen des irdischen Lebens haben. Ihm muss sich alles unterordnen, was wir aus chemischen, physikalischen oder klimatologischen Spezialkenntnissen uns Jahrhunderte lang erarbeitet haben. Sie alle sind in Hinsicht des Bodenlebens richtig, wenn man sie richtig anwendet und an der richtigen Stelle anbaut. Dazu besteht von nun an die Möglichkeit, eine Möglichkeit, die es schlechterdings früher niemals gab und geben konnte.

Zu dieser Epoche der Ausweitung des menschlichen Verständnis auf unser ganzes Gestirn gehört also auch die Ausweitung unserer Begriffe von Fruchtbarkeit, Fruchtbarkeitserhaltung und Fruchtbarkeitssteigerung, die endlich einmal nicht mehr auf dem bis dahin gewissenlosen durchgeführten Raubbau beruht, der schließlich immer nur sehr flüchtige Erfolge zeitigt und stets eine langdauernde Bodenausplünderung hinterlässt. Die Landwirtschaft kann auch ohne Raubbau viel bessere und dauernde Erfolge erzielen – das sollte sich jeder denkende Landwirt einprägen. Man braucht nicht mehr erhöhte Ernten mit Bodenverfall zu bezahlen, wenn man sich in den Zirkel der gut gesteuerten Abläufe einschaltet. Das ist die neue und bessere Einsicht, die nichts anderes verlangt, als das man die Zusammenhänge der Leistungen des Bodenlebens soweit kennen lernt, dass man sie für sich benützen kann.

Dieses „Handbuch des Bodenlebens“ behauptet keineswegs, dass in ihm restlos alles enthalten ist, was der Mensch je von der Formation des Edaphons wissen kann. Wir stehen erst am Anfang dessen, was auf diesem Gebiet erlernbar ist, aber schon dieser Anfang weißt den richtigen Weg, denn R.H.Francé als erster Pionier einschlug, der aber nach mehr als einem halben Jahrhundert doch wesentlich gangbarer ausgebaut werden konnte. Ein völlig neuer Weg ist nicht notwendig, denn dieser hier enthält soviel neues, das seine allgemeine Einführung eine geraume Zeit brauchen und die Landwirtschaft in allen Kontinenten nicht nur reorganisieren, sondern überhaupt erst einmal organisieren wird. Denn die bisherige Epoche bestand aus einem Sammelsurium von empirischen Erfahrungen, die wenig miteinander zusammenhingen und nirgends die Grundlage natürlicher Gesetzmäßigkeiten vermitteln konnten.

Vieles muss noch getan werden, um den hier gelegten Grundstock noch im theoretischen und praktischen Sinn zu erweitern. Die Umstände werden die dazu Berufenen ganz von selber zwingen, es nicht nur in Angriff zu nehmen, sondern bald damit zu beginnen. Denn unser Leben, das Leben der Erde überhaupt, hängt daran, dass die höchste Intelligenzform, der Mensch, endlich Herkunft und Ziel einer Entwicklung versteht, die damit anfing, dass die erste blaugrüne Alge, die einem seit undenklicher Zeit vergessenem Urmeer entstieg, sich teilend über einen nassen Uferfelsen die erste zarte, unsichtbare Kolloidspur zog.


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