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 Betreff des Beitrags: Vorwort
BeitragVerfasst: So 10. Apr 2011, 10:20 
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Registriert: Mi 6. Apr 2011, 20:08
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VORWORT

46 Jahre lang habe ich mich mit Boden und den Problemen des Bodenlebens beschäftigt.

Theoretisch und praktisch. Wissenschaftlich und kommerziell.

In dieser Zeit habe ich mit vielen Hunderten von Menschen gesprochen, die alle etwas über die Erde von mir wissen wollten. Oder die verzweifelt waren, weil ihr Boden trotz aller Bemühungen von Jahr zu Jahr immer schlechter wurde. Sie waren fest davon überzeugt, dass das nicht ihre Schuld sei. Und dann gab es die anderen, die einfach nur ihr Geschäft machen wollten, sei es in Bodenspekulation oder in Erzeugung und Verkauf landwirtschaftlicher Produkte.

Sie fragten. Ich antwortete.

Denn um Böden und alles, was auf Böden wächst, kennen zu lernen, bin ich viele Jahre meines Lebens in allen fünf Kontinenten gereist und habe – abgesehen von der Arktis – mit Schiff und Flugzeug alle die grossen Weltmeere und die meisten der kleineren Binnenmeere gekreuzt. Aus eigener Anschauung kenne ich Wüsten und Urwälder, die verschiedenen Formen lokaler und verbreiteter Landwirtschaft, auch die Gewinnung vieler Rohstoffe, die auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen.

Dieses reiche Bild meiner Erfahrungen ergäbe schon eine gute Vorstellung von der Oberfläche unseres Gestirns, wenn ich eben nur diese Oberfläche, inclusive unzähliger menschlicher und kultureller Beziehungen, beobachtet, hätte. Aber dem Bild, das mein Auge im Grossen aufnahm, folgte dann das Bild, wie es sich im Mikroskop spiegelt. Das ergab gewissermassen erst die unsichtbaren Gegensätze. Hier wurden mit einmal viele unbekannte Tragödien schwindender Fruchtbarkeit aufgedeckt und die Ursachen schrecklicher Verseuchungen einst gesunder Erde. Taten und Untaten längst gestorbener Generationen hatten hier ihre Spuren hinterlassen. Man konnte Fehler feststellen, die pflügende Bauern, die seit einem Jahrhundert in alten Dorffriedhöfen lagen, an ihrem Acker begangen hatten. Aber man sah auch den Werdegang der Erdgeschichte, Aufstieg und Absinken von Klima, Eiszeiten, Sturmstrassen, späte Hinterlassenschaften von Pol- und Meereswanderungen. Und nicht zuletzt erkannte man andererseits die ununterbrochene Aussäung des Bodenlebens durch die Passate, die pausenlos sich mit Leben und Lebensresten beladen und sie blind abwerfen – was vielleicht die ersten unsichtbaren Urwesen veranlasst hat, wo immer zu keimen und sich anzusiedeln.

So haben sich in diesem gigantischen Film meines Daseins, das an Buntheit nichts zu wünschen übrig liess, Protokolle über viele, viele Erden, über Klein- und Grosspflanzen in Wasser, Luft und tausenderlei Lebensräumen aufgehäuft. Sie haben in meinem Kopf einen Querschnitt durch die Welt der Mikroben zurückgelassen, der durch Natur und Kultur, Industrie und Bodenbearbeitung bis zu den fürchterlichen Zonen von Abfällen und Abwässern und zuletzt zu den gestorbenen Böden gänzlich abgewehter und abgewaschener einstiger Fruchtbarkeit reicht.

Aus dicken Heften sorgfältiger Notizen und Skizzen und Mikrofotos, in denen nicht nur ich, sondern auch mein verstorbener Mann, Dr. h. c. Raoul H. Francé, unzählige Details und Lebensbeziehungen der Bodenwelt festgehalten haben, entstand dann nach mehr als einem halben Jahrhundert das vorliegende Werk.

1.

Die auslösende Veranlassung dazu aber war dies:

Immer wieder erlebte ich, dass jemand, der sein ganzes Dasein im Dienste der Erde verbrachte, von dieser seiner Erde so gut wie keinen Begriff hatte. Unwissenheit von Urvätern mischte sich völlig undiszipliniert mit Bruchstücken chemischer Propaganda aus Verkaufslisten der Handelsdüngeragenten. Formeln von NPK, Höchstgaben von Spezialdüngern, Bekalkung und Drainierungserfolge, von nachbarlichen Ratschlägen in Bezug auf Regenwurmfarmen und Knöllchenbakterien kreisten wild durcheinander. Das alles lag oft ganz unverbunden im Gedächtnis und häufte sich in ihrem Bewusstsein. Vergangene Anschauungen, Erinnerungen und Vorstellungen wechselten ab mit falschen Erklärungen richtiger Beobachtungen. Es war lückenhaft, denn viel Vererbtes hatte sich in ihm erhalten, und Vergangenes hatte man durch Zeitgemässes ersetzt, das dem Sinn nach auch nichts anderes war. Neue Erfahrungen mussten frühere ab lösen, denn es stellte sich nicht selten heraus, dass man das Wissen der Urväter, selbst wenn man gewollt hätte, überhaupt nicht auf die gegenwärtigen wirtschaftlichen strafen Zustände anwenden konnte. Und zwar darum, weil im Lauf von wenigen Geschlechtern aus derselben Erde etwas ganz anderes geworden war.

Was man glaubte – was man nicht glaubte – es fehlte die Sicherheit des Wissens. Was geschah denn überhaupt, wenn man mit was immer düngte? Oder was geschah, wenn man nicht die Ställe ausräumte, sondern Kunstdüngersäcke anfuhr? Letzten Endes waren die in Gang gesetzten Prozesse gar nicht oder ungenügend bekannt. Aus eigenem konnte man sich nicht entscheiden, man musste sich auf Bücher und Berichte verlassen. Aber wusste man genau, ob man sich auf sie verlassen konnte?

Die Antike schrieb bereits Bücher über die Agronomie. Wir haben seit ca. 150 Jahren einen Überfluss an landwirtschaftlicher Literatur erlebt, die gar nicht mehr konsumierbar ist. Das Radio, das Fernsehen, die Presse, Landwirtschaftslehrer, Landwirtschaftsschulen leisten das ihrige. Sie predigen das Neueste, denn das Neueste muss ja immer das bessere sein. Man soll es nicht glauben, dass nicht nur die Textilindustrie und Konfektion das Wort „unmodern“ über alle Massen fürchten. Auch in der Landwirtschaft darf niemand von den Altvorderen und ihren Meinungen reden. Man hat sich zu schämen, wenn man den Grossvater zitiert, der seinerzeit doch ein erfolgreicher Agronom war und erstklassige Preise für Frühgemüse und Frühkartoffeln erzielte. Man hat heute an Formeln zu glauben und an Hinweise, die wiederum auf anderen Formeln fussen, und nach diesen Vorschriften hat man sich zu richten. Zwar ist es praktisch unmöglich, sich genau von dem „wie“ und „warum“ zu überzeugen, denn der Tag ist ausgefüllt mit Arbeit, schon des Leutemangels wegen. Die Dinge stehen so, dass man etwas glauben muss, was man niemals gesehen hat.

Man hat nur ein Kriterium: die höheren Ernten.

Die Ähren werden länger und schwerer, und die Korngrösse nimmt zu. Die Kohlköpfe nehmen zu. Die Zuckerrüben haben mehr Saft oder höhere Zuckerprozente oder beides. Den Klee kann man in einem gesegneten Jahr sogar manchmal zum dritten mal schneiden. Aber warum?

Ist das alles wirklich nur die Folge verstärkter Mineralisation, von der angeblich alles und jedes abhängt?

Dann gab es wieder Fachleute, die schworen auf die Krümelstruktur des Bodens, auf Dauerhumus, auf bestimmte Humussäuren, auf die Bodenkapillaren und ähnliches. Sie schoben alles auf die falsche und ungünstige Versalzung oder Versäuerung der Böden. Auf Lage und Art des Grundwassers. Auf viel zu schwere oder viel zu tiefgreifende Pflüge und verfluchten die vorhergehende Generation, die beim „Rigolen“ mit den Spezialpflugscharen nicht tief genug hatte hinunterkommen können, um „frischen Boden“ heraufzuholen. Dann war da die Frage der Traktoren und Vorderlader, der „viehlosen Landwirtschaft“ und ihrer Vorteile. An Hand langer Berechnungen bewiesen die Berater und Verkäufer, dass sich niemand einen unrentablen Acker leisten könne – als ob das nicht jeder Bauer schon von eh und je gewusst hätte! Und das Wort „Bodenbilanz“ wurde immer grösser geschrieben.

Aber bei alledem wusste man keineswegs, was im Boden wirklich vor sich geht.

Immer weniger wagt man, das Altüberkommene in Betracht zu ziehen. Immer einseitiger und unduldsamer wird eine Welt, die hauptsächlich aus chemischen Formeln, Maschinen, Betriebsstoffen, Berechnungen und einem erbitterten Kampf gegen die erhöhte Einführung von zu viel ausländischem Getreide, Gemüsen und Früchten besteht.

2.

So oder ähnlich schütteten mir meine Besucher auf ihrem Besitz oder in meinem Laboratorium ihr Herz aus. Gross- und Kleinlandwirte, Handelsgärtner, reiche Rancheros, arme Teufel von Pächtern, Exploratoren, die an irgend einem entlegenen Punkt der Erde kolonisieren wollten. Leiter religiöser Bruderschaften, die armselig zerschlagenes Menschengut irgendwohin in die Urwälder verfrachteten, damit sie wieder zur Familie und zur Natur zurückkehren konnten. Leute mit jahrzehntelangen Misserfolgen, Direktoren von Ackerbaugesellschaften, Förster, die wilde Kämpfe gegen oder für erlaubte Holzeinschläge führten. Es kamen aber auch Klimaänderungsforscher, Grundwasserspezialisten, mutige Pioniere, die lebenslang im Krieg gegen Erosion, Flussbegradigungen, Abwasserdüngung, Buschabbrennen und ähnliche Sakrilege an der fruchtbaren Erde standen.

Und von ihnen allen musste ich an irgend einem Punkt unserer informativen Unterhaltung feststellen, dass sie gar nichts über das Leben im Boden wussten und viel zu wenig über die biologischen Kreisläufe, die ohne Unterbrechung vom Tod zum Leben und wieder zurück gehen, in die alle Lebensbelange und im Sinn von Lebensbelangen auch die chemischen Bodenveränderungen mit eingeordnet sind. Und in die so unzählige Faktoren, Entwicklungen und Rückentwicklungen mit eingreifen.

Um von diesen Zuständen oder, richtiger gesagt, vom Zustand des Bodens überhaupt etwas zu erfahren, muss man das „Edaphon“ studieren. „Edaphon“ ist eine Ableitung des griechischen „edaphos“ und bedeutet in dieser Form „das im Boden Lebende“. R. H. Francé gab ihm diesen Namen, als er als erster um 1906 herum anfing, das damals noch gänzlich unbekannte Bodenleben zu studieren. Auf diesen seinen ersten Studien fusst mehr oder weniger die heutige Bodenbiologie.

Das Bodenleben kennen zu lernen, ist aber nicht so einfach. Umständliche, schwierige und langwierige Beobachtungen sind dabei unerlässlich. Mit freiem Auge sieht man gar nichts davon. Infolgedessen reden die Leute, die daran glauben, meist nur von den „Bodenbakterien“ oder den „Bodenpilzen“. Bis zur milimetergrossen Kleinfauna der obersten Bodenzone liegt das gesamte Bodenleben weit unter der Sichtbarkeitsgrenze. Man hat in jüngster Zeit ganz ausgezeichnete Bilddokumente nach der sogenannten Strugger'schen Methode aufgenommen (Regierungsrat Dr. A. Lehner-Netzsch an der Bayerischen Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz in München), die beweisen, dass praktisch eigentlich jede Erdkrume fast nur aus winzigstem, vorläufig noch gänzlich unklassifiziertem Leben besteht. Es liegt also unter der Edaphonzone, die sich sehr gut bei 600-1000-facher Vergrösserung beobachten lässt, noch eine viel kleinere, in der man aber schon Algen und nicht nur Bakterien entdeckt hat. Sie kommt der Molekulargrösse, wie sie z. B. Das Tabakmosaikvirus besitzt, schon recht nahe. Francé, der schon einiges davon vermutete, nannte dies die „Nannedaphonsphäre“. Das Bodenleben besteht also aus mehreren Stufen, die sich aber in ihrer Gesamtheit dem unbewaffneten, menschlichen Auge entziehen.

Mit anderen Worten – man kann es dem Landwirt also in keiner Weise zum Vorwurf machen, dass er von den Vorgängen in seinem Boden entweder gar keine oder eine ganz unzulängliche Vorstellung hat.

Wie so oft im Menschenleben zerfällt auch hier Theorie und Praxis in zwei ganz getrennte Gebiete.

Wahrscheinlich ist dies die Ursache, warum der Bodenwissenschaftler und der praktische Landwirt und Gärtner so wenig voneinander wissen wollen. Und warum die Tatsache, dass es überhaupt ein Bodenleben gibt, denen, die uns unsere Ernten schaffen, zumeist unbekannt ist.

3.

Ich muss an dieser Stelle noch etwas über bodenbiologische Lehrbücher sagen. Denn es gibt sehr gute in allen Ländern und in allen Kultursprachen.

Es wurde über die schon viel länger bekannte Lebensgemeinschaft des Planktons vergleichend auch bereits eine Systematik ausgearbeitet. Die erste stammt aus dem Jahre 1912 von R. H. Francé unter dem Titel „Das Edaphon, Untersuchungen zur Oekologie der bodenbewohnenden Mikroorganismen“, 1. bis 4. Auflage, Stuttgart, Franckh´sche Verlagshandlung. Was aber bis heute fehlte, war eine Übersicht der Zusammenhänge zwischen Bodenleben und Boden. Nicht alle Forscher können auch heute mit Sicherheit sagen, warum eine bestimmte Biozönose des Edaphons zu einem bestimmten Bodenzustand gehört. Noch viel weniger, warum man es da mit Mangelboden, dort mit verseuchten Böden, anderswo mit einer sich langsam bildenden Fruchtbarkeitsschicht zu tun hat. Über Bodenchemie oder Bodenphysik kann man derartiges schon darum meist nicht erfahren, weil es sich dabei um sehr unstabile Zustände handelt. Sie ändern sich ständig, weil sich eben das Leben in ihnen ändert. Und von dessen Änderung wieder hängt der chemische oder physikalische Befund ab.

Man kann also nichts anderes tun, als die Lebensgemeinschaften oder Biozönosen so genau wie möglich kennen zu lernen. Dann kann man nach einiger Zeit beurteilen, was es bedeutet, dass dieser oder jener Organismus oder diese oder jene Organismengruppe bevorzugt – dominant – mit anderen zusammenlebt. Verwandtschaft tut dabei nichts zur Sache. Massgebend ist dagegen der Lebensraum und eine gewisse allgemeine Ähnlichkeit der Bedürfnisse. Ein nicht nur biologisches, sondern auch stoffliches Gleichgewicht wird meist von allen Teilnehmern einer Biozönose angestrebt. Auf dieser Basis entwickelt sich dann häufig ein grösserer Arten- und Individuenreichtum innerhalb der Biozönose.

In einem durchschnittlcihen Lehrbuch für Bodenbiologie erfährt man nun davon nicht viel. Leider meist sogar nur sehr wenig. Die Lehrsätze, die man darin findet, beschränken sich nicht selten nur auf Nützlichkeit oder Schädlichkeit einer einzelnen Mikrobe. Sie wird in Reinkultur abgebildet. Das Elektronenmikroskop liefert eine 40.000 bis 100.000-fache Vergrösserung eines Stäbchens, einer Schraube oder einer Kugel. Im Text steht, wie sich dieses Bakterium oder diese Amöbe gegenüber gewissen Stoffen, Bestrahlung, viel oder wenig Feuchtigkeit, bei Versäuerung oder Versalzung verhält. Aber immer im künstlich „rein“ gehaltenen Verband einer Monokultur, die man nur im Laboratorium mit sehr viel Mühe herstellen und überwachen kann.

In der Natur gibt es indes keine Monokultur.

Wenn überhaupt etwas der Monokultur Ähnliches durch die plötzliche Überschwemmmung mit irgendwelchen Organismen – ganz gleich, welchen – auftritt, so bedeutet das stets eine Krankheit. Es ist dasselbe wie der Einbruch von Pathogenen als Infektion in einem tierischen oder menschlichen Körper.

Die Laboratoriums-Monokultur zwingt jeden Organismus, anders zu leben als sein Lebensgesetz es ihm vorschreibt. In der Erde frisst er oder wird gefressen. Er existiert oft in gemeinsamen Kolloidhäuten. Von seiner Biozönose erhält er lebenswichtige Stoffe in Form von Infusionen, mitunter auch von Gasen. Er selber gibt seinerseits wieder lebenswichtige Stoffe für andere ab, so Metalle, Spurenelemente und Bodenmineralien, die durch ihn die notwendige biologische Passage bekommen.

Die Biozönose kann zuweilen nur aus einem oder ein paar Dutzend Mikroben bestehen. Es gibt aber auch viel grössere. Sehr viele existieren seit Jahrmillionen und sind daher zur Lebenserhaltung unentbehrlich. Die Zahl der Individuen schwankt sehr stark. Wir wissen aber leider noch nicht genug vom Gleichgewicht innerhalb von Lebensgemeinschaften, um auch nur von einer eine harmonische Querzahl zu kennen. Es gibt sie mit Sicherheit – aber dabei spielen Spurenelemente, Jahreszeiten, Säureverhältnisse und die zirkulierenden Verbindungen eine entscheidende Rolle. Und das kann man nicht im Laboratorium erfahren, vor allem nicht durch die Reinkultur.

Alle diese vielfältigen, auch vielfältig angewendeten Kräfte werden möglicherweise weitergegeben, denn alle Lebensgemeinschaften stehen untereinander im Ausgleich, der bis zu den schon erwähnten auf der Oberfläche hausenden Kleintieren, Frühformen von Milben, Spinnen, Urinsekten reichen. Sie bewegen sich alle um die paar Millimetergrösse herum, die Springschwänze, die Tysanuren, die Collembolen, auch winzige Käfer und zwerghafte Würmer, die ihrerseits wieder von Edaphon oder einzelnen Vertretern des Edaphons leben.

Ich kenne kein Lehrbruch, in welchem auf alle diese Tatsachen Bezug genommen ist.

Es ist nichts darüber zu finden, dass das Bodenleben aus 11 Gattungen besteht, von denen jede wieder in zahlreiche Familien, Arten und Unterarten zerfällt. In Prozenten ausgedrückt, sieht das so aus:

20% Mikroalgen
7% Mikropilze
7% Protozoen (Wimpertierchen und Geisselinge)
15% beschalte und unbeschalte Amöben
2% Nematoden
2% Rädertierchen
27% Bodenbakterien und Viren
13% autochtone Mikroflora und Nannedaphon
7% Zysten und Sporen, d.h. In einem augenblicklichen Ruhezustand befindliche
Kleinwesen.

Das wäre das harmonische Verhältnis eines voll ausgereiften Humusbodens. Allerdings setzten diese Zahlen voraus, dass er nicht aus allen möglichen Ursachen gestört wurde. Dass es sich überhaupt um einen Idealboden handelt, wie man ihn in Ländern mit alter Landwirtschaft nicht mehr findet. Denn jede Düngung, jeder Anbau, jede Ernte verschieben das harmonische Verhältnis. Vor allem ändern sich Phosphor-, Stickstoff-, Kalk- und Kaliquoten. Vorübergehende oder auch dauernde Bodenversäuerungen machen sich geltend. Durch Überschwemmungen erfolgt meist eine erfreuliche Zunahme assimilierender Mikroalgen. Innerhalb deren verändert sich das Verhältnis zwischen Kiesel-, Blau- und Grünalgen. Damit steigt oft die Alkalität, weil viele der Verlandungsorganismen salzhold sind.

Alle diese vorübergehenden Veränderungen sind wichtig für die Arbeit der Pflanzenwurzel. Denn mit ihnen Hand in Hand geht die Bildung flüchtiger chemischer Stoffe, die das Bodengefüge für eine Weile durchsetzen und dann wieder verschwinden. Co-Fermente, ungesättigte Fettsäuren, Zitronensäure, Nikotinsäure, die verschiedenen Humussäuren, Schwefel-, Kalk- Kali-, Magnesiumverbindungen, Hydrochinone – das alles taucht durch die Tätigkeit des Bodenlebens plötzlich auf und vergeht wieder. Der tägige Boden ist ein Sammelsurium von Vorgängen, die unaufhörlich zwischen positiv und negativ, zwischen Aufbau und Abbau hin und her pendeln, aber immer mit dem Bodenleben auf das engste verbunden sind.

Das Primäre ist also das Bodenleben, und zwar unter seinen natürlichen Lebensbedingungen, denen gegenüber die Beobachtungen im Labor nur vergleichsweise angewendet werden können, ganz ebenso wie die Angaben und Illustrationen in den mikrobiologischen Lehrbüchern.

4.

Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass durch eigenes Studium kaum ein Landwirt seinen Boden kennen lernen kann.

Warum?

Er hat keine Zeit. Auch ist seine Arbeit eine ganz andere. Man kann nicht voraussetzen, das er ein genügend gutes Mikroskop besitzt. Mit einem kleinen Schulmikroskop ist ihm wenig geholfen. Manchmal müssen bestimmte Beobachtungen monatelang durchgeführt werden. Das Resultat kann nur ein erfahrener Mikrologe richtig beurteilen. Denn das Leben in der Erde ist in seinen Dimensionen ebenso wahlfähig und individuell gestuft wie das in viel weiter gespannten Dimensionen über und auf der Erde.

Diese Lücke zwischen der Bodenbiologie und der praktischen landwirtschaftlichen Arbeit müsste irgend einmal überbrückt werden. Die Fruchtbarkeit der erde müsste für den, der sich sein ganzes Leben mit ihr beschäftigt, sichtbar und verständlich gemacht werden. Er müsste es einsehen lernen, dass der ganze Erfolg seiner Mühe davon abhängt, dass sich in dieser seiner Erde genug und richtig zusammengestimmtes Bodenleben findet. Dass die jährliche Ernte an Getreide, Obst, Heu und Holz nur das Spiegelbild der Tätigkeit von Organismen ist, die ständig Mineralien, Dünger, Regeln, Staub, Sonnenschein, Pflanzenreste und Abfälle aller Art in den Garten- und Ackerboden verwandeln.

Ich habe demnach versucht, in dem vorliegenden Werk wenigstens überhaupt ein Bild der Lebensgemeinschaften des Bodens wiederzugeben. Dieses „Handbuch des Bodenlebens“ entstand aus einer Zusammenfassung von vieljährigen Studien, Erfahrungen, zahllosen Experimenten im Laboratorium und im Freiland. Es sind nur vierzig Tafeln, und man könnte leicht das doppelte beisteuern. Aber sie sind so ausgewählt, dass sie wenigstens einen Überblick im Grossen geben. Einen Überblick darüber, wie fruchtbare Erde aufgebaut wird, wie man sie zerstören und verderben kann, und mit welchen Gesetzmässigkeiten zu rechnen ist, wenn sehr umfangreiche Schädigungen sich auswirken. Die Aufschliessung der Erosion, die Bedeutung gespeicherter Elemente, die nur durch das Edaphon wieder in die plasmatischen Kreisläufe eingehen, die vielerlei Möglichkeiten, durch welche die Pflanze sich selber ihren Humus mit Hilfe von Mikroben macht – das alles wurde in Lebensbildern festgehalten. So festgehalten, wie es aus unentbehrlichen Funktionen als lange Ketten von Funktionsformen entsteht, die wieder eng und unwahrscheinlich dicht verflochten aus den vielfältigen irdischen Zyklen hervorgehen und in sie zurückkehren.

Denn die Entstehung, ständige Neubildung und Erhaltung von Humus ist der einzige ruhende Punkt in der Unruhe unaufhörlich wechselnder Erscheinungen, die das, was wir als organisch und anorganisch unterscheiden, ebenso umfassen wie die irdische Zeit und den irdischen Raum, durch die Leben und Tod in allen nur denkbaren Abstufungen sich ununterbrochen einander jagen.

Unsichtbare Lebensgemeinschaften bilden unsichtbare Landschaften.

Wollte man nun folgenden Lebensgemeinschaften des Bodenlebens in ihren Grössenverhältnissen so darstellen, wie sie wirklich sind und wie sie sich gegen ihre Umwelt verhalten, so bekäme der Beschauer ein Bild, mit dem sein Auge nichts anzufangen wüsste. Wir sehen ja überhaupt nur Fiktionen, Ausschnitte aus stofflichen Wirklichkeiten, aber eben nur Ausschnitte nach Farbe, Form und Perspektive. Aber an diese Ausschnitte sind wir gewöhnt und finden uns in ihnen zurecht. Unsere Sinneswahrnehmungen und die Merkzeichen in unserer Umwelt entsprechen sich, und beides zusammen genügt, damit unser „Sehen“ uns ein zusammenhängendes Bild vermittelt.

Wenn aber die Grössenverhältnisse zwischen einem Höhenzug und Bruchteilen eines Millimeters schwanken, so sieht man gleichzeitig beides nicht nur nicht, sondern man kann es auch nicht in welcher Art immer als Bild darstellen. Wir müssen uns auf das eine oder auf das andere beschränken – aber beides kann man auf einem Blatt Papier zusammen nicht wiedergeben.

Als dieses Tafelwerk – das erste in seiner Form – begonnen wurde, bestand also die enorme Schwierigkeit, das Sichtbare unserer irdischen Welt und das Unsichtbare der Mikrowelt des Bodens auf einen Nenner zu bringen. Es musste ein Nenner gefunden werden, der nicht nur ein immerhin noch menschlich verständliches Bild ermöglichte, sondern auch den mikroskopischen Tatsachen nicht eine völlig falsche Maske aufzwang.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als durch den Begriff „Landschaft“ eine Konvention zu schaffen, die sich sowohl auf das Sichtbare wie das Unsichtbare anwenden liess. Denn auch die Landschaften, in denen der Mensch lebte und immer leben wird, sind nur Konventionen, die dem Wirklichen nur sehr teilweise ud nur nach unserem Bedürfnis entsprechen. Ihr Kriterium ist die Funktion und davon ausgehend die Funktionsform. Die verstehen wir, denn wir haben ständig mit Funktionen und Funktionsformen zu tun. Wir müssen also in diesem Fall nur das Gewohnte auf das Ungewohnte übertragen.

Farbe und Gestalt hat auf diesen Tafeln bei jeder einzelnen Mikrobe dokumentarischen Wert. Daran durfte demnach nichts geändert werden. Auch die Grössenunterschiede innerhalb der Raumverhältnisse vom Millimeter und vom Mikron abwärts, die sich feststehen zwischen Einzellern ausdrücken, könnte nicht willkürlich verschoben werden. Sie sind Teil ihres Lebensgesetzes, was Ernährung, Sicherheit und überhaupt Daseinsgemeinschaft anlangt. Das alles wickelt sich auch bei Unsichtbaren gesetzmässig ab, und diese Gesetzte sind unendlich alt, schon darum, weil das einzellige Dasein unendlich alt sein muss. Erhalten werden musste also die Lebenssphäre der Mikrowesen, und sie musste so dargestellt werden, dass der Beschauer ohne weiteres einsieht, dass sie nur in dieser Lebenssphäre existieren können, und dass alle ihre Funktionen an sie restlos angepasst sind. Dagegen war es für den Beschauer notwendig, auch eine ihm vertraute Umwelt wenigstens anzudeuten, wenngleich diese Umwelt wiederum den Protozoen, Mikroalgen und Bakterien sicher nicht bewusst und erkennbar ist. Es wiederholt sich hier von einem anderen Gesichtspunkt aus das Problem des Menschen, der zwar im Universum lebt, aber bis jetzt kaum exakt etwas davon weiss.

Diese 40 Tafeln, von denen jede die „Landschaft“ einer tatsächlich bestehenden Lebensgemeinschaft darstellt, sind also ganz bewusst an die menschliche Konvention des „Sehens“ angepasst. Dadurch wurden sie lebendig, verständlich und gewähren einen Blick in die Lebensgesetze eines Daseins, das zahllose Male das unsere kreuzt, im tiefsten plasmatisch beeinflusst und nicht aus ihm wegzudenken ist. Da die Fruchtbarkeit der Erde und das Entstehen neuer Lebensräume ausschliesslich über diese Schwelle geht, so haben wir alle Ursache, es endlich mit richtigem Verständnis kennen und unterstützen zu lernen. Von unserer Einstellung wird dabei nichts anderes verlangt, als was uns die Atomphysik unter den Grössenverhältnissen des unendlich Grossen und unendlich Kleinen zumutet.

Humus und Bodenleben stehen noch immer im Zeichen einzelner Pionierleistungen. So möge denn auch dieses Tafelwerk als Pionier den Weg zu neuem Verständnis weisen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Vorwort
BeitragVerfasst: Sa 24. Sep 2011, 21:44 
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Registriert: Sa 12. Dez 2009, 18:31
Beiträge: 1208
Die Einteilung des Bodenleben in 11 Gattungen und die Angabe ihrer prozentualen Anteile, das zugleich das "harmonische Ausgleichsverhältnis" in einem "idealen Boden" darstellt, ist ein zentrales Argumentationselement in Annie's "Humustheorie" und implizit ein Konstruktionsprinzip ihrer Impfziegel.

Sie behauptet, es wäre schon von Raoul im Buch "Das Edaphon" aufgeführt.

Also, ich kanns nicht finden.

Frage an Alle:

Wo in den Büchern der France's werden diese 11 Gattungen des Bodenlebens explizit erwähnt und aufgelistet ???

Nur im Vorwort zum Handbuch des Bodenlebens schreibt sie:

"Es ist nichts darüber zu finden, dass das Bodenleben aus 11 Gattungen besteht,
von denen jede wieder in zahlreiche Familien, Arten und Unterarten zerfällt.

In Prozenten ausgedrückt, sieht das so aus:

20% Mikroalgen
7% Mikropilze
7% Protozoen (Wimpertierchen und Geisselinge)
15% beschalte und unbeschalte Amöben
2% Nematoden
2% Rädertierchen
27% Bodenbakterien und Viren
13% autochtone Mikroflora und Nannedaphon
7% Zysten und Sporen, d.h. n einem augenblicklichen Ruhezustand befindliche Kleinwesen."


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